Referenten Shakespeare-Tage 2009 in Weimar

Peter Holbrook (Queensland)

Shakespeare and the Modern: Hardy, Eliot, Gunn

In his notorious After Strange Gods (published 1934) T.S. Eliot deplored as ‘decadent’ and ‘morbid’ the ‘emotionalism’ of Thomas Hardy’s characters.  This love of ‘violent emotion’ was, he asserted, connected with a turn to the ‘diabolic’ in contemporary literature.  Eliot’s hostility to Hardy is at bottom hostility to modernity, which he elsewhere names ‘Liberalism’.  And he did grasp something crucial about Hardy: in one of his Notebooks, Hardy identifies with the ‘modern spirit’, which is simply the awareness that the system of life nineteenth-century Europeans have inherited from the past no longer ‘corresponds…with the wants of their actual life’.  As far as attitude towards ‘the modern’ goes, the Anglo-American poet Thom Gunn (1929-2004) would line up with Hardy rather than Eliot: Gunn is a poet of the modern will.

The question this paper asks is: What is Shakespeare’s relation to this conflict over the value of modernity?  All three writers engage extensively with the Elizabethan age and its pre-eminent author, who in their hands becomes an occasion for thinking through what it means to be modern.

Biography

Dr Peter Holbrook was educated at the University of Melbourne in Australia, where he majored in English Literature and Ancient Greek, and at Yale University, where he wrote a dissertation under the supervision of G.K. Hunter.  His publications include a book on social class and English Renaissance literature (Literature and Degree in Renaissance England, published by University of Delaware Press in 1994); an edited collection of essays (with David Bevington) on The Politics of the Stuart Court Masque, published by Cambridge UP in 1998; and another group of edited essays on Shakespeare and Montaigne, which appeared in the Shakespearean International Yearbook for 2006.  His articles have appeared in such journals as Textual Practice (2000, 2006) and Shakespeare Survey (1996, 2003) and he has reviewed for TLS.  He has an essay forthcoming in Survey on Philip Larkin and Shakespeare, and is writing a textbook on English Renaissance Tragedy for Continuum.  His book Shakespeare’s Individualism will be published this year by Cambridge UP.


Werner von Koppenfels (München)

„Der erste Ansatz zu einem großen Drama, der in Deutschland zu spüren ist“: Brechts Marlowe


Der Titel zitiert Herber Jherings Reaktion auf die Münchner Uraufführung von  Brecht / Feuchtwangers Leben Eduards II. von England (nach Marlowe) am 18. 3. 1924, die Brechts erste Begegnung mit dem elisabethanischen Volkstheater darstellt. Als Historiendrama aus fernen Zeiten und als Bearbeitung einer Fremdvorlage ist das Stück in Brechts Frühwerk ein Unicum, dem spätere Kritiker häufig eine Privatisierung des Politischen vorwerfen. Doch vieles – und hoffentlich auch mein Ansatz – spricht dafür, dass Eduard II. für den jungen Autor und Regisseur keinen Abweg, sondern einen Durchbruch bedeutet. Obgleich er nur etwa 20% des Vorlage-Textes direkt übernommen hat, gibt seine Bearbeitung faszinierende Einblicke in einen dramaturgischen Brückenschlag zwischen Shakespearezeit und Weimarer Republik, der, durchaus im Sinne Jherings, zu einem neuen Dramenstil führt. Dieser Dialog der Autoren und Epochen, betrifft eben weit mehr als nur den – von Brecht abschätzig so genannten – 'Materialwert' der Klassiker: aus bloßen Stichworten der Vorlage entstehen eigenständige Handlungssequenzen und Motivketten, radikale Straffung und Expansion bedingen sich gegenseitig, die eingeschobenen Volksszenen und Liedeinlagen regen zu einer Episierung des Geschehens an, und Marlowe's mighty line provoziert in stilistischer Widerrede einen kräftig aufgerauhten Blankvers von expressiver Kraft.

Biografisches

Werner von Koppenfels, geb. 1938 in Dresden; em. Professor für Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft in München; Gastdozenturen in England und USA; Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung; J.H.Voß-Preis für literarische Übersetzung. Zahlreiche Fachpublikationen zur englischen Literatur, meist aus komparatistischer Sicht; zuletzt Der Andere Blick oder das Vermächtnis des Menippos, 2007. Herausgeber und Mitübersetzer der Anthologie Englische und amerikanische Dichtung, 4 Bde., 2000; Übersetzer von J. Donne, Sir Th. Browne, R. Burton, E. Dickinson, A. Huxley, usw.


Therese Fischer-Seidel (Düsseldorf)

Hamlet, Shakespeare live und die Struktur des Ulysses

Im neunten Kapitel von James Joyces Ulysses („Scylla and Charybdis“) wird eine der drei Hauptfiguren, Stephen Dedalus, in der National Library in eine scholastische Diskussion über das Verhältnis von Literatur und Leben, insbesondere über Hamlet und die Biographie Shakespeares, verwickelt. Stephen, wie sein Schöpfer Joyce jesuitisch geschult, vertritt dabei die aristotelisch-mimetische - durch Thomas von Aquin vermittelte Position - während seine Gesprächspartner platonisch-idealistisch argumentieren. Stephen behauptet, dass Anne Hathaway, in Stratford allein gelassen, Shakespeare untreu geworden sei, wie der Ausweis der Werke, nämlich Shakespeares Obsession mit dem Motiv der untreuen Ehefrau und Mutter vor allem in Hamlet (5. Szene) zeige. Auch das Auftauchen des Geistes des alten Hamlet wird biographisch erklärt, da Shakespeare Hamlet unmittelbar nach dem Tode seines eigenen Vaters geschrieben habe. Ein leiblicher Vater sei lediglich ein notwendiges Übel. Zugleich mutmaßt Stephen, dass Shakespeare Jude gewesen sei. Die Theorien Stephens steigern sich ins Absurde. Die Hauptfigur des Ulysses, Leopold Bloom, der inzwischen ebenfalls in der Bibliothek erscheint, wird von dem Spötter Buck Mulligan als wandering jew, Stephen als jew jesuit kommentiert. Hiermit wird auf den fehlenden Sohn Blooms (Shakespeares) und auf die Vaterlosigkeit Stephens (Hamlets) verwiesen und auf die Verbindung dieser beiden Figuren, die einen der Handlungsstränge bestimmt.

Auf der Autor-Leser-Ebene strukturiert das Verhältnis von Hamlet -Vater zu Hamlet -Sohn, das Verhältnis der beiden männlichen Hauptfiguren, Bloom (Ulysses) und Stephen (Telemachus). Die weibliche Hauptfigur Molly (Penelope), die zwar ganz Körper (Gea -Tellus) und geradezu geisterhaft fast nur aus dem männlichen Blickwinkel und nur im inneren Monolog des letzten Kapitels gegenwärtig ist, projiziert ein Bild der untreuen Ehefrau, das Gertrude bzw. Anne Hathaway aufruft.

Eines der Ziele des Vortrags ist es zu zeigen, dass die Hamlet-Allusion nicht  beiläufig, sondern zentral für die Struktur des Ulysses ist. Durch die Annahme einer klaren Handlungsstruktur mit Anfang, Mitte und Ende durchaus im aristotelischen Sinne ist die Funktionalität der scheinbar absurden Hamlet-Theorie Stephens zu verdeutlichen. Umgekehrt zeigt die Aufnahme Shakespeares in den inneren Monolog und in die Anspielungswelt des Ulysses, dass auch die Moderne auf die Kenntnis der Texte und der Biographie Shakespeares als „Mythen des Alltags“ vertrauen kann.

Mit Parodie und Bewusstseinsdarstellung als zentralen Techniken der Darstellung und dem Bild Shakespeares ist Ulysses folgenreich geworden. Der Romancier Anthony Burgess, Shakespeare- und Joyce-Kritiker zugleich, hat sich zum Beispiel für seine fiktive Shakespeare-Biographie Nothing Like the Sun die innenperspektivische Darstellung für die Sympathiesteuerung zu nutze gemacht. Die Auffassung von der Biographie Shakespeares, insbesondere das Verhältnis zu Anne Hathaway wie sie Stephen Dedalus in Ulysses über die Hamlet-Allusion andeutet, findet sich bei einigen zeitgenössischen Shakespeare-Biographen wieder, wie Germaine Greer in ihrem Buch Shakespeare’s Wife beklagt. Joyce selbst, wie sein alter ego Stephen, kannte einen der frühen Klassiker der Shakespeare-Kritik, Edward Dowden. Auch wenn sich Stephen - Joyce über Dowden lustig macht, das Verfahren der Schlussfolgerung vom Werk auf das Leben Shakespeares feiert in Ermangelung der knappen Faktenlage in neueren Shakespeare-Biographien fröhliche Urstände.

Biografisches

Therese Fischer-Seidel, hatte den Lehrstuhl für Neuere Anglistik an der Heinrich-Heine- Universität Düsseldorf von 1994 bis 2008 inne. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter.

Sie studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie in Frankfurt a.M. und London, war Wissenschaftliche Assistentin in Frankfurt und Düsseldorf, Professorin für englische und amerikanische Literatur an der Universität Gießen, Visiting Professor an den Universitäten  Milwaukee und Madison (Wisc. USA). Von 1992-1998 war sie war Beiratsmitglied des Verbandes deutscher Anglisten, in Gießen Dekanin und in Düsseldorf Prodekanin. Im DFG Graduiertenkolleg „Europäische Geschichtsdarstellungen“ (Düsseldorf) leitete sie die Sektion „Identitätsstiftung durch Geschichtskonstruktion“, in der sie u.a. eine Dissertation zu Spenser, Holinshead und Shakespeare betreute.

In Düsseldorf war sie Rektoratsbeauftragte für die britische Partneruniversität der Universität Düsseldorf, The University of Reading, mit seinem Beckett International Archive Zentrum internationaler Beckett Forschung, auch bekannt als beratende Universität für das Globe Project at the Bankside. Zusammen mit Wissenschaftlern  aus Reading organisierte sie mehrere interdisziplinäre Tagungen (1996, 1998, 2000, 2004) und initiierte die „Düsseldorfer Shakespeare Vorlesungen“, die in Verbindung mit dem Shakespeare Institute, dem Shakespeare Center (Stratford) und der Royal Shakespeare Company durchgeführt wurden.

Ihre Forschungsinteressen sind breit gefächert. Sie reichen von der literarischen Moderne (Joyce, Beckett) über den Roman des 18. Jahrhunderts bis zu Shakespeare. Schwerpunkte liegen regional bei der Literatur Großbritanniens und Irlands, methodisch bei Erzähltechnik, Intertextualität und gender, ebenso wie bei der Gattung des Dramas.