Dichterkulte

Vorwort

von Susanne Rupp und Tobias Döring (FU Berlin)

In einer säkularisierten Welt, heißt es, werden Dichter gern zu Göttern ausgerufen. Seit David Garrick 1769 eine opulente Shakespeare-Feier in Stratford-upon-Avon abhielt, avancierte die Kleinstadt zu einem nationalen Heiligtum. Der Pilgerschar, die fortan dorthin strömte, mußten passende Devotionalien geboten werden. Man schnitzte sie aus dem Holz eines Maulbeerbaums, den Shakespeare angeblich selbst gepflanzt hatte. Gegen alle Anfechtungen blieb der Glaube an die Echtheit dieser Reliquien ebenso unerschütterlich wie an die Echtheit der angeblichen Dokumente, die zum Ende des Jahrhunderts Shakespeares irdisches Leben in mildem Licht verklärten. Der philologische Nachweis ihrer Fälschung löste eine Flut apologetischer Schriften aus, in denen ‚die Gläubigen‘, wie sie sich selbst nannten, die wahre Dichterreligion verkündeten. Gegen historisch pedantische Textwissenschaft setzten sie die Kraft hingebungsvoller Lektüre, die ‚intuitiv‘ zum ‚Wesentlichen‘ vordringe und das ‚Genie‘ erspüre, wo es weht. Sogar die Selbsterklärungsschrift des Fälschers konnte die Idolatrie nicht bremsen – womöglich weil ihr Titel “Confessions” seinerseits einer religiösen Figur folgte.

Der Fall mag modellhaft zeigen, wie eine bürgerliche Leitkultur um 1800 das Literarische dem Religiösen angenähert und für das Politische genutzt hat. Das Modell bot Anschlußmöglichkeiten und diente nicht zuletzt deutschen Klassikern zu ihrer (Selbst-)Inszenierung. Goethe gestaltete den Treppenaufgang seines Hauses so, daß jeder Besucher förmlich in den Götterhimmel emporsteigen mußte, bevor ihm der Olympier selbst entgegentrat. Heine bekannte daher, fast hätte er den Hausherren auf griechisch angeredet, und Jean Paul erklärte, er wäre Goethe am liebsten selbst als Statue unter die Augen getreten. Der Monumentalisierung des Klassikers diente im weiteren der Hang zum öffentlichen Denkmal, der sich im 19. Jahrhundert rapide ausbreitete. Wer immer fremd an einem Bahnhof eintrifft, so dichtete später Wilhelm Busch, darf mit Erleichterung feststellen, daß die „ihm unbekannte Stadt / Gleich den bekannten Schiller hat“. Wo alles in der modernen Welt auf Beschleunigung drängt, kann man sich wenigstens am Dichterstandbild festhalten.

Vor diesem Hintergrund drängen sich zahlreiche Fragen auf: Ist die Kunstreligion – und mit ihr der Dichterkult – überhaupt angemessen mit dem Begriff der Säkularisierung zu fassen? Oder handelt es sich hierbei nicht eher – wie Carl Dahlhaus in seinen Studien zur Musikgeschichte und -ästhetik des 19. Jahrhunderts gezeigt hat – um eine Form der Religion selbst? Wie kann der Dichterkult sowohl Verbindlichkeit wie auch Exklusivität verbürgen? Wie dient das Heilige, das er zelebriert, zugleich zur Teilhabe und zur Distinktion? Welche rituellen Formen nimmt es an und borgt es? Was für politische Funktionen übernimmt es und für wen? Auch wenn die Konjunktur von vielen Kultautoren nur kurz währt, ist das Phänomen an sich von Dauer. Neben literarischen Gesellschaften lebt vielleicht gar die Philologie, die viele Begriffe ohnehin der Theologie entlehnt hat, insgeheim von der Dichterreligion, da sie dem Kult die Ministranten schult.

Die einzelnen Beiträge zum Wissenschaftlichen Seminar untersuchen jeweils verschiedene Praktiken des Dichterkultes: Heike Grundmann setzt sich mit der Rezeption von Shakespeares Sonetten auseinander, die vor allem im 19. Jahrhundert darum bemüht war, die homoerotische Seite der Gedichte ‚hinwegzuinterpretieren‘ und den idealisierten Dichter damit vor dem Vorwurf der Immoralität zu bewahren. Die Rezeption der Sonette Shakespeares ist ebenfalls Gegenstand des Beitrags von Gesa Horstmann. Sie zeichnet anhand der deutschen Übersetzungen der Sonette den mitunter steinigen Weg des englischen Barden zum deutschen Dichter nach. Christoph Ehland wendet sich der materiellen Seite des Dichterkultes zu und untersucht das ökonomisch assimilierte Erinnern an Shakespeare, wie es in Stratford praktiziert wird. Enno Ruges Augenmerk gilt den Ehefrauen der Klassiker, die manchen Biographen als Makel erschienen und deren Bedeutung im Leben ihrer Gatten folglich heruntergespielt werden mußte. Ingrid Hotz-Davies nimmt akademische Appropriationen Shakespeares kritisch in den Blick und wirft die Frage auf, ob eine Alternative zu den gängigen Praktiken denkbar ist.