Dichterkulte

Erinnerungsräume: Gehäuse Materieller Verklärung

von Christoph Ehland

Es steht wohl außer Frage, daß die sogenannten Shakespeare-Häuser für viele Besucher von Stratford-upon-Avon eine außergewöhnliche Begegnung mit dem Literarischen im weitesten Sinne darstellen. Bis zu 500.000 Besucher werden jedes Jahr durch Shakespeare’s Birthplace geschleust[1] und setzen sich auf diese Weise mit einer materialisierten Form der Erinnerung an die Literatur und ihre Protagonisten auseinander. In diesem Zusammenhang lediglich von einem Wallfahrtsort zu sprechen, erscheint wie eine Verkürzung, da wesentliche soziokulturelle Faktoren ausgeblendet werden und der Eindruck aufkommen könnte, daß die Ausformungen bürgerlicher Kunstreligion ungebrochen aus dem 18. bis ins 21. Jahrhundert fortwirken würden. Um diese Brechungen, die Diskontinuitäten und Neubewertungen des kollektiven Erinnerns an Gedächtnisorten der Literatur, soll es aber in diesem Beitrag in der Folge gehen.

Die Gefahr, angesichts der Stratforder Zustände in eine ablehnende oder desinteressierte Haltung zu verfallen, dürfte wohl kaum auf akademische Kreise beschränkt sein. Aber der Blick sollte nicht durch die Auswüchse der Klassikervermarktung vom Wesentlichen abgelenkt werden. Trotz der Kommerzialisierung und der dadurch notwendigerweise einsetzenden Popularisierung und Trivialisierung der Dichtererinnerung sollte sich im analytischen Umgang mit diesen Phänomenen der Literaturbegegnung das Selbstverständnis der Literatur- und Kulturwissenschaften als gesellschaftlich verankerte und wirksame Disziplinen widerspiegeln.[2]

Als Mekka der Shakespeare-Verehrer und als massentouristischer Bestseller scheint der Ort Stratford und seine Shakespeare-Häuser wenig gemein zu haben mit den stilleren Vertretern unter Großbritanniens Dichterhäusern. Wie könnte ein Vergleich zwischen dem beinahe unbekannten John Milton’s Cottage in Chalfont St. Giles und seinen gerade mal 5.000 Besuchern mit den berühmten Stätten Stratfords gelingen? Zu verschieden sind Budget, Rendite und Publikum. Bei genauerer Betrachtung jedoch erscheinen die Unterschiede zwischen weniger frequentierten Gedenkstätten und dem Getöse der Stratforder Tourismusmaschine zwar quantifizierbar, aber im Hinblick auf ihre funktionalen und ideologischen Grundbedingungen nicht ohne gemeinsame Basis. Stratford bietet überdies den Vorteil, daß sein Profil als massentouristische Attraktion ein äußerst akzentuiertes Beispiel zeitgenössischer Kulturrezeption liefert und uns so zur Vorsicht mahnt, eine prinzipielle Kontinuität zwischen vergangenen und gegenwärtigen Kulturerscheinungen vorauszusetzen. Trotz aller Kontinuität der anthropologischen und psychologischen Grundprinzipien durchläuft das soziokulturelle Phänomen ‚Dichterhaus‘ einen beständigen Prozeß der Transformation seiner gesellschaftlichen Verankerung und Kontextualisierung.

Das heißt, daß sich das kulturell wirksame Gefüge, in denen Dichterhäuser zum erlebbaren kulturellen Ereignis werden, in einem fortwährenden Prozeß der Neuanordnung befindet. Besonders prägnante Brechungen erfährt das Phänomen ‚Dichterhaus‘ durch seine Institutionalisierung und seine gezielte touristische Vermarktung.[3] Diese Feststellung bildet den Hintergrund für die weiteren Überlegungen und hat Auswirkungen auf die analytische Herangehensweise, da sie eine Differenzierung zwischen den spezifischen Energiefeldern nahelegt, in denen Erinnerung und Erinnerungsrahmen erscheinen.

Für die folgende Untersuchung ergibt sich daher eine Perspektive, die sich nicht auf die programmatische Unterscheidung zwischen Vermittlungsform und Vermittlungsinhalt, musealer Kommunikation und gesellschaftlicher Vergangenheitskonstruktion zuspitzen läßt. Um eine differenzierte Funktionsbestimmung und Einordnung unserer Beobachtungen zu gewährleisten, soll die Unterscheidung von kulturellem Ereignis, individuellem Erlebnis sowie gesellschaftlicher Produktion biographischer und literarischer Geschichte diesen Überlegungen Rechnung tragen. Die Terminologie ist angelegt, den verschiedenen soziokulturellen Rahmen gerecht zu werden, in denen dem Phänomen ‚Dichterhaus‘ am Beispiel von ShakespearesBirthplace in diesem Essay begegnet werden soll.

Als kulturellem Ereignis kommt die identitätsstiftende und somit gedächtnispolitische Signifikanz der Dichtererinnerung zum Tragen. Das individuelle Erlebnis soll die spezifische Bedeutung der Rezeptionsprozesse und -strategien betonen, und schließlich soll der Begriff der gesellschaftlichen Produktion touristische und ökonomische Aspekte mitberücksichtigen. Die Interdependenz dieser Teilaspekte ist offensichtlich, und so soll die enge Verknüpfung dieser drei Rahmen, in denen Dichtermuseen erscheinen, im folgenden an konkreten Fallbeispielen knapp aufgezeigt und dann thesenhaft kommentiert werden. Dafür werden die Stratford-Besuche des englischen Romantikers John Keats im Jahr 1817 und des deutschen Reisenden Hermann von Pückler-Muskau im Jahr 1827 als exemplarisch herausgegriffen und an ihnen unsere Hauptüberlegungen festgemacht. Es ist anzumerken, daß diese Besuche vor dem Erwerb des Geburtshauses als “national property” im Jahr 1847 stattfanden und sie somit einerseits die Lebhaftigkeit des Shakespearekults im frühen 19. Jahrhundert bekunden, andererseits dadurch aber bewußt abgesetzt sind von einem Erleben der öffentlichen Institution des Dichterhauses, wie es sich in Gegenwart darstellt. Im folgenden hilft die historische Perspektive, die sich unweigerlich aus den angeführten Berichten ergibt, unseren Blick für die Eigenständigkeit der zeitgenössischen Produktion und Rezeption Stratfords zu schärfen.

In einem Brief, der auf den Zeitraum 11.–13. Juli 1818 datiert ist, schreibt John Keats an seinen Freund John H. Reynolds über seinen Besuch des Hauses des schottischen Dichters Robert Burns:

One of the pleasantest means of annulling self is approaching such a shrine as the Cottage of Burns; we need not think of his misery – that is all gone – bad luck to it. I shall look upon it hereafter with unmixed pleasure as I do upon my Stratford-on-Avon with Bailey.[4]

Den Besuch in Ayr nimmt Keats zum Anlaß, über Dichterhäuser im allgemeinen zu reflektieren und sich an Stratford zu erinnern. Bedauerlicherweise sind keine Briefe erhalten geblieben, die Aufschluß über Keats Befindlichkeit im Birthplace oder den tatsächlichen Ausflug nach Stratford geben könnten. Jedoch verfügen wir über einen später aufgezeichneten Bericht von Keats’ Reisebegleiter Benjamin Bailey, in dem einige aufschlußreiche Nuancen des Besuchsrituals deutlich werden:

Once we took a longer excursion of a day or two, to Stratford upon Avon, to visit the birthplace of Shakespeare. We went of course to the house visited by so many thousands of all nations of Europe, and inscribed our names in addition to the “numbers numberless” of those which literally blackened the walls. We also visited the Church, and were pestered with a commonplace showman of the place […]. He was struck, I remember, with the simple statue there, which, though rudely executed, we agreed was most probably, the best likeness of the many extant, but none very authentic, of Shakespeare.[5]

Ähnliches beobachtet wenige Jahre später der deutsche Reisende Hermann von Pückler-Muskau bei seinem Besuch in Stratford. In seinem Erfolgsbuch, Briefe eines Verstorbenen, das seine Reisebriefe aus England und Irland beinhaltet, schreibt er am 6. Januar 1827:

Es ist ein tiefergreifendes Gefühl, die unbedeutenden Gegenstände zu sehen, die vor Jahrhunderten mit einem so großen und geliebten Manne in unmittelbarer und häuslicher Berührung standen, und gleich darauf den Ort, wo längst seine Gebeine vermodern – und so in wenig Augenblicken von seiner Wiege den langen Weg bis zu dem seines Grabes zurückzulegen. – Das Haus, in dem er geboren ist, sowie die Stube selbst, in der dies große Ereignis vor sich ging, stehen noch fast unverändert da. […] Millionen von Namen, von Königen und Bettlern hingeschrieben, bedecken die Wände des kleinen Zimmers, und obgleich ich dieses Anhängen an fremde Größen, wie Ungeziefer an Marmorpalästen klebt, nicht besonders liebe, so konnte ich doch hier dem Drange nicht widerstehen, auch meinen Namen mit einer tiefen Empfindung von Dankbarkeit und Ehrfurcht den übrigen beizugesellen.[6]

Eine wesentliche Beobachtung, die in diesen Berichten zu machen ist, ist die notwendige Abwesenheit des Subjekts, das Fehlen der Person William Shakespeare. Aus dieser Abwesenheit, nämlich, daß das Gesuchte zwar begehrt aber eo ipso nicht da sein kann, entspringen unter anderem die auffälligen Ähnlichkeiten zum Religiösen, zum Transzendenten. Balz Engler hat auf diese Affinitäten in seinem Aufsatz “Stratford and the Canonization of Shakespeare” hingewiesen. Moderner Tourismus und religiöse Pilgerfahrt, so Engler, zeichnen sich durch eine ähnliche kulturelle Symbolik wie eine vergleichbare Strategie der topographischen Erschließung aus. Mit seiner Einordnung des Stratforder Besuchsrituals in die Logik der mittelalterlichen Pilgerstätten verdeutlicht Engler die anthropologischen Grundkonstanten, die beiden Phänomenen zugrunde liegen.[7] Ohne Frage ein bedenkenswerter Einwurf, wenn auch an dieser Stelle auf eine nähere psychologische Ausdeutung verzichtet werden soll.

In diesem Sinne ist nicht nur jede Form von biographischer Annäherung an das Subjekt – etwas überspitzt formuliert – eine Art Geisterbeschwörung, sondern auch gerade die Erhaltung und Aufbereitung des materiellen biographischen Apparats in Form von Häusern, Mobiliar, Locken usw. Zielt das Vermittelte entweder auf die Schärfung der biographischen Physiognomie des jeweiligen Dichters oder nutzt zumindest die Schriftstellerpersönlichkeit als Vehikel einer Zeitreise im Sinne einer lebendigen Geschichtsvermittlung, so ordnet sich der Rahmen des individuellen Erlebens entsprechend einer Erwartung, die in ihren wesentlichen Grundzügen vorgeprägt ist.[8]

Es wird deutlich, daß beide Briefpassagen unseren Blick auf wesentliche Aspekte des erlebten Ereignisses und seine Rahmenbedingungen lenken. In beiden Fällen finden wir nicht nur einen ans Rituelle grenzenden Ablauf des Besuchs, sondern vor allem Kompensationsversuche für das abwesende Subjekt. Keats und Baileys Überlegungen zur Authentizität der viel umstrittenen Shakespeare-Büste des Grabepitaphs spiegeln sich in Pückler-Muskaus naiver Annahme, er habe es im Birthplace mit Shakespeares Alltagsgegenständen zu tun. Beide Darstellungen werfen ein Licht auf die Frage der Authentizität und ihrer Funktion im Erinnerungsprozeß. Die Äußerungen des Deutschen bewegen sich dabei paradigmatisch in den Bahnen der quasi-religiösen Verehrung von Dichterreliquien und betonen so auf ihre Weise das gewachsene Selbstverständnis eines bürgerlich-säkularen (hier spricht schließlich ein Adeliger, wenn auch verarmt) Dichterkultes um Shakespeare. Baileys Bericht verdeutlicht darüber hinaus die physiognomische Suche nach dem echten Shakespeare, der Erdung des transzendenten Erlebnisses.

In diesem Zusammenhang sind Keats’ briefliche Reflexionen von besonderem Interesse, da sie die Frage der Einordnung des individuellen Erlebens in einen gesellschaftlichen Erinnerungsrahmen aufwerfen. Insbesondere seine Überlegung, daß Dichterhäuser das geeignete Mittel zur Annullierung des Selbst darstellen, bestätigt die Annahme, daß sich der Rahmen des individuellen Erlebens auf den erweiterten Rahmen des gesellschaftlichen Identitätskonstrukts bezieht. Das Individuum sucht nach Transzendenz nicht so sehr in Form der metaphysischen dichterischen Aura, sondern die Auflösung des Selbst in einem übergeordneten kulturellen Bezugsrahmen. Es ist an dieser Stelle, daß das individuelle Erlebnis im gesellschaftlich kodierten Ereignis aufgeht.

In einen ähnlichen Kontext läßt sich auch eine weitere bemerkenswerte Entsprechung in den Berichten einordnen, nämlich das Hinterlassen der eigenen Namen im Birthplace. Der Akt des Hinterlassens dient dabei als Vergewisserung der Teilhabe und somit der dokumentierten Verinnerlichung von Geschichtlichkeit. Gleichzeitig wird dadurch der Auflösungs-, oder in Keats’ Worten, der Annullierungsprozeß des Selbst und die daraus folgende Anonymität symbolisch aufgehoben. Der identitätsstiftende Prozeß setzt sich damit aus Elementen der auflösenden Teilhabe sowie der symbolischen Rückgewinnung zusammen. Wenn Keats und Pückler-Muskau durch das Einritzen ihrer Namen in die Wände der vorgeblichen Geburtskammer an einer verräumlichten Konkretisierung einer gesellschaftlich vorgeprägten Erinnerung noch aktiv teilnehmen, kanalisieren heutzutage Besucherbücher diese Rituale.

Im Hinblick auf die heutige Situation kommt diesem rituellen Teil des Besuches jedoch eine veränderte Bedeutung zu. Im Birthplace wird durch das Ausstellen der historischen Graffiti der Besuchsvorgang selbst zum musealen Gegenstand und so das Aufsuchen der Weihestätte dadurch allein schon gerechtfertigt. Gleichzeitig wird deutlich, daß – trotz der anscheinenden Kontinuität des Rituals – dem Ereignis eine weitere Zeitachse im Erinnerungsprozeß hinzugefügt und somit die Erinnerung historisch neu dimensioniert wird. Der heutige Besucher beschaut, da er seinen Namen nicht in der Wand oder den Fenstern des Birthplace einritzen kann, das Ergebnis eines durch die Musealisierung abgeschlossenen Erlebnis- und Erinnerungsprozesses. Er bleibt von diesem ausgestellten Erleben ausgeschlossen und das Ritual ist somit historisch isoliert.

Diese Brechung des Ritus und damit die Dimensionierung des Erinnerns setzen spätestens mit der Institutionalisierung der Dichterhäuser im Viktorianischen Zeitalter ein und beeinflussen bis zum heutigen Tage die Besuchskultur nachhaltig. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das authentische Erlebnis und die Frage, ob es jemals existent war oder nicht, zumal wir bereits bei Keats und Pückler-Muskau ein touristisch motiviertes Beobachten des Rituals erkennen können, sondern ob institutionalisiertes Erinnern an sich schon Ausdruck der in der modernen kapitalistischen Gesellschaft angelegten Entfremdungsprozesse ist. Es taucht das Dilemma auf, ob die historische Dimensionierung des Erinnerungsprozesses an dieser Stelle nicht tatsächlich bereits eine Loslösung des touristischen Erlebens aus dem geschichtlichen Prozeß bedeutet und damit unter Umständen sogar – in aller hypothetischen Vorsicht formuliert – von einer Erkaltung des Erinnerns im Sinne von Claude Lévi-Strauss’ Unterscheidung von kalten und heißen Gesellschaften gesprochen werden kann.

Stratfords Tourismusindustrie pointiert dieses Paradoxon des ökonomisch assimilierten Erinnerns. Shakespeare ist ein Warenlabel, welches auf Shareware-Basis funktioniert und sich beliebig verkaufen läßt. Das Produkt ‚Dichterhaus‘ muß – in allen Spielformen seiner Kontextualisierung von bürgerlichem Dichterkult bis massentouristisch-egalitärem Konsum – dieser Entfremdung Vorschub leisten. Ironischerweise transformiert sich gerade unter der Rigide des Denkmalschutzes und den Herausforderungen des Massentourismus der Rezeptionsprozeß zum rezeptiven Konsum, da er den aktiven Ausdruck der Teilhabe notwendigerweise unterdrücken muß.

Teilhabe am authentischen Erleben ist ausgeschlossen. Für uns entsteht die Frage, ob und in welcher Weise man in diesem Zusammenhang noch von einer identitätsstiftenden und auf das Kollektivgedächtnis bezogenen Erinnerung sprechen kann. Negiert nicht gerade der entfremdete Warencharakter des touristischen Erlebnisses diese Funktion der Erinnerung?

Jan Assmann verweist in diesem Zusammenhang auf die Einwände Ludwig Marcuses, der sich abschlägig zur Präsenz der Musik Bachs im Küchenradio oder Klassikerausgaben im Kaufhaus äußerte, da er befürchtete, daß der Kultur in diesen Warenkontexten ihre antagonistische Kraft verloren geht. Mit Blick auf das touristische Stratford, Baseballkappen mit Shakespeare-Logo und Menschenmassen ist diese Frage berechtigt und muß gestellt werden, da sie es uns ermöglicht, genauer zu erörtern, wo diese Negierung tatsächlich erreicht ist und wo sie gerade nicht erreicht ist. Es wäre sicher nicht hilfreich, wenn das Phänomen Tourismusan sich uns schon dazu verleiten würde, ohne Umwege zu diesem Schluß zu gelangen. Das touristische Erlebnis ist zwar, wie Dean MacCannell festgestellt hat, in seiner notwendigen Logik nicht authentisch, aber gerade getragen von der Sehnsucht nach dem authentischen Erleben, der authentischen Teilhabe an einem übergeordneten Kollektivgedächtnis.[9]

Letzteres sind Problemfelder einer postmodernen oder – um mit Fredric Jameson zu sprechen – spätkapitalistischen Kulturkonzeption der Gegenwart. Im Hinblick auf die auffällige Parallelität zwischen der Entwicklung der bürgerlich-ökonomischen Gesellschaft und dem Entstehen einer literarischen Erinnerungskultur müssen wir uns fragen, inwieweit kulturelle Ereignisse und individuelle Erlebnisse in ihrer gesellschaftlich kodierten Produktion als touristisches Gut einen Entfremdungsprozeß durchlaufen, der sie notwendigerweise enthistorisiert. Ist das Kultische, das quasi-religiöse Ritual der materialisierten Dichterverehrung dann nicht lediglich eine vorgetäuschte Erinnerung, in sich ein Simulacrum des Erinnerns, dessen kontrapräsentische oder fundierende Funktion im Gedächtnisprozeß aufgelöst ist?[10] Müßten wir nicht am Ende des Rundgangs durch Shakespeares vermeintliches Geburtshaus uns wie Virginia Woolf überlegen: “Why does one do these things? I don’t know what I expected to find […].”[11]

 


Anmerkungen

[1] Ian Ousby, The Englishman’s England: Taste, Travel and the Rise of Tourism (Cambridge: Cambridge University Press, 1990), S. 40.

[2] Jonathan Arac, “The Struggle for the Cultural Heritage”, in: Harold Aram Veeser, Hg., The New Historicism (New York: Routledge, 1989), S. 116–131.

[3] Balz Engler, “Stratford and the Canonization of Shakespeare”, European Journal of English Studies 1 (1997), S. 354–355.

[4] Grant F. Scott, Hg., Selected Letters of John Keats (Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 2002), S. 153.

[5] Hyder Edward Rollins, The Keats Circle: Letters and Papers and More Letters and Poems of The Keats Circle, 2 Bde. (Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 1965), Bd. 2, S. 271–272.

[6] Hermann von Pückler-Muskau, Reisebriefe aus England und Irland (Berlin: Aufbau, 1992), S. 150–151.

[7] Vgl. Balz Engler (1997), S. 354–366.

[8] Orvar Löfgren, On Holiday: A History of Vacationing (Berkeley and Los Angeles: University of California Press, 1999), S. 97–98.

[9] Dean MacCannell, The Tourist: A New Theory of the Leisure Class (Berkeley, Los Angeles: University of California Press, 1999), S. 13–16.

[10] Jan Assmann, Das Kulturelle Gedächtnis. (München: Beck, 1999), S. 75–80.

[11] Virginia Woolf, Carlyle’s House and Other Sketches (London: Hesperus, 2003), S. 3.

 


Abstract

Shakespeare’s Birthplace in Stratford-upon-Avon represents not only a touristic bestseller but also one of the earliest examples for a materialisation of literary memory. Since David Garrick’s “Shakespeare Jubilee” (1769) drew the public attention to the soil on which Shakespeare’s genius was allegedly reared, the requirements and strategies of poet-worship have continuously undergone a cultural transformation and institutional re-adaptation. Especially the acquisition of the Birthplace as ‘national property’ in 1847 marks a turning-point for the mnemonic processes of the collective memory. Based upon a differentiation between the individual experience and economic production of the cultural event ‘writer’s house’, the essay explores the cultural signification of Stratford’s literary topography in the context of literary canonization and touristic practice.