Theatre of Passion: Othello and The Two Noble Kinsmen

Vorwort

von Susanne Rupp und Tobias Döring

Das Thema

Das Themenfeld unserer Seminardiskussion läßt sich anhand eines Buches umreißen, das 1601 in London – im Jahr der ersten Aufführung von Shakespeares Hamlet – herauskam und, wie die drei Jahre später folgende, erheblich erweiterte zweite Auflage zeigt, seinerzeit sehr viel beachtet und gelesen wurde (weitere Auflagen sollten 1620, 1621 und 1630 folgen). In The Passions of the Minde unternimmt der Autor eine umfassende Bestandsaufnahme möglicher Gefühlsregungen – „certaine internall actes or operations of the soule bordering upon reason and sense“ (14) – und diskutiert ausführlich deren Funktion und Gebrauch. Dabei sind ihm seelische Erregungen, getreu einer alten Einsicht der Rhetorik, unentbehrlich für moralische, ja religiöse Selbsterhebung. Anders als die Stoiker behaupten, sollten sie daher keineswegs gezügelt, sondern gezielt genutzt werden: „passions are spurres that stirre up sluggish and idle souls, from slouthfulnesse to diligence, from carelesnesse to consideration“[1]. Solch positiver Nutzen der Passionen ist die Aufgabe und das erklärte Ziel, denen Redner wie auch Prediger verpflichtet sind, wenn sie ihr Publikum durch die Wirkung ihrer Rede zu rechtem Denken und Handeln führen. Um dies zu erreichen, bedarf es allerdings selbst einer leidenschaftlichen Natur, die ihre eigene Bewegtheit an andere weitergeben kann bzw. die im Adressaten zu erzielende Bewegung zunächst in sich selbst hervorbringt: „to imprint a passion in another, it is requisit first it be stamped on our hearts; the passion which is in our brest, must be fountaine & origen of al external actions“ (174). Dies klingt für moderne Leser ganz nach dem Programm des Method Acting, und tatsächlich bieten Bühne und Theater auch für diesen elisabethanischen Autor das Modell, das sein Programm illustriert und zugleich beispielhaft einübt. “But how shall this be performed? ... this the best may be marked in stage plaiers, who act excellently; for as the perfection of their exercise consisteth in imitation of others, so they that imitate best, act best” (179). Damit aber scheint der Autor alle äußerlich kenntlichen Körperzeichen der Passionen unter Schauspielverdacht zu stellen und öffnet so den Ambiguitäten von Imitation und Simulation ein weites Spielfeld, das es beim Gefühlsgebrauch auszumessen und zu nutzen gilt. Dieses Feld soll mit der Formulierung unseres Themas „Performances of Passion“ bezeichnet werden, die wie viele Genitiv-Phrasen doppeldeutig ist: die Passionen sind sowohl Subjekt der Darbietung – im Sinne des passionierten Redners, der sein Publikum in gleicher Weise mitreißt – als auch deren Objekt, das im Spiel oder in der Rede vorgeführt und dargeboten wird. In diesem Spannungsfeld sind alle einschlägigen, oftmals körpersprachlich indizierten Gefühlsäußerungen zu verorten. Denn wenn uns, wie in der zitierten Passage, der Schauspieler als professioneller Gefühlsvortäuscher zum Vorbild empfohlen wird, müssen wir grundsätzlich bedenken, daß womöglich jede Leidenschaftsäußerung auch kalkuliert und simuliert sein kann. Ob die „external show“ daher tatsächlich einer „passion in the brest“ entspricht, ist durchaus fraglich. Ein guter Schauspieler kann vor unseren Augen sogar wahrhaft Tränen vergießen und doch um nichts als Hekuba weinen – in der Fiktion, im Traum der Leidenschaften. Um dieses Problem kreist The Passions of the Minde. Der Autor, Thomas Wright, ist sich der Doppeldeutigkeiten seines Gegenstandes wohlbewußt und will sie doch für seine „pollicie“ nutzen: die Passionen sind eben, genau wie die Rhetorik, „a twoo edged sword“ (152), und alles hängt von der jeweils speziellen Funktions- und Gebrauchsweise ab. (Auch in seiner historischen Selbstpositionierung hat Wright, Ex-Jesuit und katholisch-englischer Patriot, sich vor Ambiguitäten nicht gescheut; sein Buch schrieb er in Bridewell Prison und schickte das Manuskript dem Bishop of London, der ihm zwar die Protektion versagte; gleichwohl wurde es als einziges von Wrights Werken in London gedruckt und frei vertrieben).

Unser Seminar ging in je unterschiedlicher Vorgehensweise solchen Fragen nach – und zwar im Hinblick auf zwei Shakespeare-Dramen, deren Gehalt und Gestalt dafür besonders aussichtsreich erscheinen. In Othello wird an der Titelfigur der Prozeß leidenschaftlicher (Ver–)Führung durch einen professionellen Täuschungskünstler mit Erfolg und Drastik vorgeführt; in The Two Noble Kinsmen, einem späten, kollaborativen und daher „unkanonischen“ Theatertext, bieten sowohl das mythisch-mittelalterlich konstruierte Setting als auch das soziale Spektrum seines Personals eine kritische Arena zur performance klassischer Passionen wie Liebeswerben, Eifersucht, Trauer oder Zorn.


Note

[1] Thomas O. Sloane, Hg., The Passions of the Minde, Nachdruck der Ausgabe von 1604, Urbana (u. a.): University of Illinois Press, 1971), S. 32. Weitere Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.