[Kategorie: Shakespeare-Tagungen]
Thüringer Allgemeine, Montag, 26. April 1999

Die Anmut des Lärmens

Weimar: Die Shakespeare-Tage und Leander Haußmann

von Henryk Goldberg

Der melancholische Herr Naso, blasiert umwölkter Cicerone durch den bilderreichen Ort, bringt einen Text seines (vermuteten) Namensstifters Publius Ovidus Naso zum Vortrag, betreffend den betrüblichen Umstand, daß nichts in seinem gegenwärtigen Zustand verharre, die, wenn Erinnerung nicht trügt, "Metamorphosen" des Ovid. Und trägt es vor mit einer sanften Ironie, als wolle sein Erfinder Leander Haußmann, die Figur kommt nicht vor im Stück, trotzig lächelnd sagen: Nichts, außer mir.

Einen Mangel an Polarisierung wird man den gestern in Weimar beendeten Shakespeare-Tagen nicht vorwerfen können. Zum nachdenklichen Auftakt Gert Heidenreichs Exkurs über die unbelehrte Hoffnungslosigkeit auf dem Kontinent, zum fröhlichen Abschluß Leander Haußmanns Exercises über den unbetroffenen Spaß auf der Bühne. Dazwischen räumlich beengte - die versprochene Weimarhalle stand nicht zur Verfügung - Diskurse der Fachleute und am Sonnabend im offenen Raum eine Reverenz an die Kulturstadt, Shakespeare auf den Straßen und Plätzen und ein Shakespeare-Marathon im "Shakespeares" dazu. So gerieten diese Shakespeare-Tage nicht nur zum internen Betriebsvergnügen der Philologen, sie waren zugleich ein öffentlicher Teil der Europäischen Kulturstadt. Und für Interessenten war zudem aus eigenem Augenschein die Gewißheit zu gewinnen, daß der einstige Weimarer Schauspielchef und jetzt noch Bochumer Intendant Leander Haußmann seinen Aufstieg in die oberen Ränge des deutschen Theaters verfehlt hat.

Da der Regisseur zu Selbstzitaten neigt, darf der Beobachter sich auch einmal darin üben: Und irgendwie, vermutete er gelegentlich des umjubelten Weimarer "Sommernachtstraumes", "irgendwann wird auch Leander Haußmann für seine Einfälle einen Grund benötigen, einen glaubhaften Vorwand für das schöne Spiel". Haußmann hat diesen Grund, diesen Vorwand noch immer nicht. Noch immer inszeniert er, mit einer Spiel-Lust, die in ihren besseren Teilen betörend anmutig und in ihren schlechteren verstörend albern ist, Situationen statt Vorgänge, Spaß statt Geschichten. Am deutlichsten hier in der Figur des Intriganten Don Juan, den er zur Frau mutieren läßt, weil sie dann Eifersucht spielen darf, was aus der Figur am Ende wird, ist ihm gleichgültig. "Viel Lärm um Nichts" ist eine Koproduktion mit der Schauspielschule Bochum. Bis auf Yvon Jansen (Beatrice) und, mit Abstand, ihrem Partner Benjamin Höppner (Benedikt) sind die übrigen dem verbalen Witz des Stückes kaum gewachsen.

Das eigentliche Problem aber ist ein strukturelles. Haußmann treibt sein Ensemble durch das funktionale Bauhaus-Haus von Alex Harb mit einem glänzenden Rhythmus, mühelos jagt er auf der rotierenden Drehbühne sein Bilderkarussell vor sich her, immer wieder sich selbst begegnend: Romeo unter Julias Balkon (und gelegentlich auch "beim Mond, dem wandelbaren", schwörend), Othello, Desdemona würgend, Titania, den Esel umtanzend, und bevor die heiteren Wachen ihren Dienst antreten (eine fröhliche Wiederbegegnung mit Peter Rauch), exekutieren sie den Text von Hamlets Wachen und blubbern wie der Geist von Hamlets Vater: Shakespeares beinahe sämtliche Werke, leicht gekürzt, das ist in Wahrheit ein Stück von Leander Haußmann. So zaubert er, wo sie nicht ins Alberne fallen, beiläufig fröhliche, beschwingte Bilder voller Anmut, so schüttelt er mühelos bestechende Atmosphären aus seinem weiten Ärmel: Und erweckt doch nie den Eindruck, als würde ihn, was geschieht, länger interessieren als bis zum nächsten Einfall, bis zur nächsten Szene. So gewinnen die Figuren nicht selten Spaß, aber kaum je Kontur: Ihren Regisseur interessiert, was sie tun, nicht, wer sie sind. Der anmutigste Spaßmacher, der talentierteste Lärmer des deutschen Theaters.

Eine Figur nur ist aufgeladen mit einer inneren Spannung, Ralf Dittrich als bleicher Naso. Eine androgyne Diseuse, keiner Partei angehörend, so wechselt Dittrich Kleider und Geschlecht, ihm kann das nicht geschehen. Morbide Melancholie, das Schifferklavier und die Gitarre spielend, manchmal kehlig singend wie Tom Waits, manchmal den Figuren resigniert die Türen öffnend auf ihren irrenden Wegen. Ein abgeklärtes Wesen, das nicht mehr glaubt an die Metamorphose des Menschen. Es mag kein Zufall sein, daß die einzig interessante Figur fremd ist in der Geschichte.
Der Mensch, sagt Naso zum Ende, ist ein schwindliges Geschöpf und bläst mit Noblesse ein Nichts von seiner Hand. Und uns war, als sei dies die charakteristische , Handbewegung des hochtalentierten Regisseurs Leander Haußmann.



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