Shakespeare Jahrbuch 2019

Umschlagmotiv

Flucht – Exil – Migration

 

“Exile hath more terror in his look / Much more than death”, klagt Romeo, als er von seiner Verbannung erfährt. Exil bedeutete den Ausschluss aus der Gemeinschaft; auf Gastfreundschaft konnte man in der Fremde nicht hoffen. Gleichwohl war die Frühe Neuzeit durch vielfältige Formen der Migration geprägt: Arbeitsmigration, religiöses Exil, Flucht und Vertreibung durch Kriege. Shakespeares Stücke, in denen solche Themen omnipräsent sind, verhandeln die historischen Debatten, sie ermöglichen aber auch eine Reflexion von Exil und Migration im 20. und 21. Jahrhundert. Alexander Schunka eröffnet den Band mit einem Beitrag zu frühneuzeitlicher Migration in Europa, der dann auf religiöse Exilant*innen und die Verbreitung Shakespeares durch Wanderschauspieltruppen fokussiert. Auch Anne Fleig fragt nach den Zusammenhängen zwischen der Migration von Menschen (im Dreißigjährigen Krieg) und der von Texten, und zwar am Beispiel von Schillers Auseinandersetzung mit Shakespeare in Wallenstein. Während David Schalkwyk das Fremdwerden der Heimat und die metaphysischen Aspekte des Exils in King Lear und The Comedy of Errors diskutiert, konzentriert sich Sophie Emma Battell anhand von Richard II auf die sprachlichen Dimensionen des Exils. Inmaculada Sanchez-García und Michael Meyer betrachten Filmadaptionen: Sanchez-García liest The High Sun als Romeo and Juliet-Bearbeitung, die das Motiv der Grenze und die Figur des Fremden vor dem Hintergrund des Kroatienkriegs thematisiert. Aus der Analyse von Exil und ʻHeimatʼ in einem Animationsfilm von As You Like It entwickelt Meyer Überlegungen für den Unterricht. Die letzten drei Aufsätze erörtern das Verhältnis von Exilant*innen zu Shakespeare: Anhand der britischen Theatergruppe Nu Nu beschreibt Mihai Florea die problematische Situation von Shakespeare-Schauspieler*innen in Großbritannien, deren Muttersprache nicht Englisch ist. Keith Gregor zeichnet nach, wie Shakespeare für emigrierte Schriftsteller, die zu Ende der Franco-Zeit nach Spanien zurückkehren wollten, eine ambivalente Rolle spielte. Kai Wiegandt schließlich betrachtet die Auseinandersetzung mit Exil und Nation in der so genannten ʻRobben Island Bibleʼ.

Sabine Schülting