Shakespeare Jahrbuch 2013

Umschlagmotiv

GLAUBE UND ZWEIFEL

Shakespeare schreibt seine Dramen zu einer Zeit, in der traditionelle Glaubenssätze und religiöse Praktiken im Zuge der Reformation, durch den Kontakt mit nicht-christlichen Religionen und den Beginn der modernen Wissenschaften relativiert oder gar verworfen werden. Das Theater bringt solche Konflikte auf die Bühne und reinszeniert christliche Rituale. Es kann (und will) dabei aber den Zweifel nicht ausräumen, lebt es doch vom Spiel, das die (Bühnen-)Wirklichkeit immer wieder neu erschafft und beglaubigt, gleichzeitig aber ihre Gültigkeit problematisiert. Brian Cummings begreift das “Denken in der Zukunft” bei Shakespeare als Modus, in dem grundlegende metaphysische Probleme aufgeworfen werden. Er zeigt, daß Shakespeares Dramen nicht nur die Frage nach Glaubensinhalten stellen, sondern auch ausloten, was es bedeutet zu glauben und zu zweifeln. Thomas Kullmann begreift die heidnische Götterwelt in Shakespeares Stücken als Raum, in dem christliche und nicht-christliche Glaubenssätze erprobt und miteinander verglichen werden können. Die Beiträge von Dieter Fuchs, Jean-Christoph Mayer und Sonia Suman diskutieren die Spannung zwischen Glaube und Zweifel in einzelnen Stücken – in Titus Andronicus bzw. einigen Historiendramen. Anat Feinberg stellt George Taboris Bearbeitungen des Kaufmann von Venedig vor und erörtert, wie sich Tabori als jüdischer Regisseur und mit expliziten Bezug auf den Holocaust mit Shakespeares wohl problematischster Komödie auseinandergesetzt hat. Merchant wird ebenfalls im Beitrag von Gerald MacLean diskutiert, hier aber, neben Othello, auf die dem Stück zugrundeliegende Vorstellung von Gastfreundschaft untersucht und mit den Reiseberichten des fast zeitgenössischen osmanischen Autors Evliya Çelebi verglichen. Die Reihe der Aufsätze wird beschlossen durch den Beitrag von Klaus Reichert zum Problem des Alterns im King Lear, einem Stück, dessen Welt – wie das Szenenfoto auf dem Schutzumschlag suggeriert – dem Menschen “keinen metaphysischen Trost mehr gibt” (Blumenberg).
Sabine Schülting