Shakespeare Jahrbuch 2012 (148)

SEEFAHRT, SCHIFFBRUCH UND MARITIME ABENTEUER

Schiffbruch und die Bedrohung durch Piraten sind konstante Erfahrungen auf den Handels- und Entdeckungsfahrten der Frühen Neuzeit. Wird die Seefahrt spätestens mit dem europäischen Expansionsstreben seit dem fünfzehnten Jahrhundert zu einer wirkmächtigen Metapher für das menschliche Leben, initiiert sie auch eine vielschichtige Textproduktion in unterschiedlichsten Gattungen – vom Navigationshandbuch über den Reisebericht bis hin zum travel drama. Auf der Shakespeare-Bühne stellt sich das Problem der Darstellbarkeit der Katastrophe, und hier werden grundsätzliche Fragen nach dem Verhältnis zwischen Publikum und (inszeniertem) Untergangsspektakel aufgeworfen. Tobias Dörings Beitrag postuliert gar eine Analogie zwischen Meer und Bühne, wenn er die Auseinandersetzung mit der Seefahrt in Shakespeares Dramen als metatheatrale Reflexion versteht. Felix Sprangs Aufsatz zeigt, welch grundsätzlichen Einfluß die Navigationskunde nicht nur auf die Bildlichkeit, sondern auch auf den plot und die Figurenkonzeption der Stücke von Shakespeares Zeitgenossen hatte. Die Beiträge von Ina Habermann und Bernhard Klein gehen von neueren raumtheoretischen Überlegungen aus. Habermann schlägt vor, Stücke wie Twelfth Night, Pericles oder The Tempest als Konstruktionen “hodologischer” Beziehungsräume zu lesen. In Kleins Aufsatz werden das Meer und das Schiff als “gelebte Orte” konzeptualisiert, die Aufschluß über Körperpraktiken, soziale Dynamiken und Kulturkontakte geben. Claire Jowitts Beitrag richtet den Blick auf eine besondere Gruppe maritimer Akteure in Shakespeares Stücken, die Piraten, und die durch sie aufgeworfenen kulturpolitischen Fragen der Zeit. Rui Carvalho Homem beschäftigt sich anhand von Tempest-Bearbeitungen aus dem 20. und frühen 21. Jahrhundert mit dem “Nachleben” des Stücks und seinen kulturellen wie literarischen Implikationen. Maik Hamburger gibt schließlich einen kurzen Überblick über die vielfältigen ‘Bilder’ und dramaturgischen Funktionen des Meeres in Shakespeares Dramen.

Sabine Schülting