Shakespeare Jahrbuch 146 (2010)

Umschlagmotiv

Aufbruch in die Moderne

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird Shakespeare als moderner Dramatiker entdeckt, der – im Rahmen einer allgemeineren kulturellen und politischen Neuorientierung – die kritische Verhandlung der dramatischen, literarischen und literaturwissenschaftlichen Konventionen ermöglichte. Die hier versammelten Beiträge loten die vielfältigen und widersprüchlichen Aspekte dieses ‘Aufbruchs in die Moderne’ aus und diskutieren die Konkurrenz von künstlerischen Experimenten und konservativen Formen der ‘Klassikerpflege’, von politischer Indienstnahme und ästhetischer Stilisierung. Jonathan Bate zeichnet die deutsche Aneignung Shakespeares von Herder über Wagner bis zu Hitler nach und kontrastiert deren Nationalismus mit der ästhetisch motivierten Rezeption durch Walter Pater. Richard Wilsons Beitrag setzt sich mit Edward Gordon Craigs Arbeiten zu Shakespeare im besonderen und seinen theaterästhetischen Überlegungen im allgemeinen auseinander, die insbesondere durch seinen Aufenthalt in Weimar inspiriert wurden. Das Spannungsfeld zwischen Macht und Moderne, politischer Autorität und Kunst, das Craig faszinierte, prägte insbesondere auch die deutsche Beschäftigung mit Shakespeare und seinen Zeitgenossen nach dem Ersten Weltkrieg: Hans Henny Jahnns Richard III. aus dem Jahre 1917, ein “Panorama menschlicher Grausamkeit”, steht im Zentrum von Jan Bürgers Aufsatz; Peter W. Marx beschäftigt sich mit Leopold Jessners Shakespeare-Inszenierungen aus den 1920er und frühen 1930er Jahren; Werner von Koppenfels zeigt, wie Bertolt Brechts und Lion Feuchtwangers Das Leben Eduards des Zweiten von England (1924) dem jungen Brecht einen neuen Dramenstil eröffnete. Katrin Trüstedt verschiebt die Perspektive, wenn sie King Lear und The Tempest vor dem Hintergrund der Debatte zwischen Carl Schmitt und Hans Blumenberg um den ‘Umbruch der Moderne’ liest. Am Beispiel von Virginia Woolfs Roman Between the Acts (1941) und seinen intertextuellen Bezügen zu A Midsummer Night’s Dream analysiert Claudia Olk das Verhältnis zwischen Erzählprosa, Drama und der Inszenierung von Geschichte. Norbert Lammert schließlich zieht eine schonungslose Bilanz des Weimarer ‘Aufbruchs in die Moderne’ und zeichnet eindrücklich nach, wie Weimar zwar in künstlerischer Hinsicht Schauplatz eines solchen Aufbruchs werden konnte, die politische Idee eines “Staat[es] im Geiste Goethes” (Peter Gay) aber von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.