Beiträge aus dem Shakespeare-Jahrbuch 137 (2001)

"To teach or not to teach ...?!"

Zur Herbsttagung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft vom 17. bis 19. November 2000 in Weimar

Die Shakespeare-Gesellschaft zeigte auch im Jahr 2000 in Weimar Präsenz - vielleicht nicht ganz so spektakulär wie im Kulturstadtjahr 1999, als Schauspielstudenten in der Stadt von Bühne zu Bühne eilten und open-air Shakespeare-Szenen spielten, dafür jedoch wieder einmal mit interessanten und vielschichtigen Theaterbeiträgen und vor allem mit Fragestellungen zur Shakespeare-Vermittlung. Das Theaterangebot der gut besuchten"kleinen" Herbsttagung reichte von Erfurts Jugendtheater Schotte mit "Romeo und Julia" über Verdis "Otello" des Deutschen Nationaltheaters bis zu einer Shakespeare-Nacht im Weimarer "mon ami". Dabei war "Cymbeline" (Inszenierung J. Klaus/StudentInnen 2. Studienjahr) als Gastspiel der Schauspielschule Bochum zu sehen, bevor dann das Staatstheater Stuttgart mit "Shakespeare in Music" (F. Vogel/R. Jett) - einem Sonetteprogramm, dem Übersetzungen von Christa Schuenke zugrunde liegen - die Shakespeare-Fans in die Weimarer Nacht entließ. Die Eröffnung der Tagung übernahmen Andree Oehm und Ralph Püttmann von den Bonn University Players auf unkonventionelle Weise, sie stellten Liedvarianten aus verschiedenen Inszenierungen vor, nicht nur in Shakespeares Englisch, sondern ganz im Sinne des "innerdeutschen Dialogs" auch in Bonner Mundart, selbige wurde übrigens in Weimar gut verstanden. Natürlich sind solcherart Beiträge eigentlich der ideale Einstieg in die Shakespeare-Vermittlung - in Schule und Universität. Doch wie dann weiter? Dieser Frage gingen vor allem am Samstag die Referate und Diskussionen nach. Zunächst untersuchte Dr.Wolfgang Zuse (Göttingen) die Gerichtsszene - "I am content..." - im Merchant of Venice in Inszenierungen von Kortner bis Zadek unter dem Aspekt der Sympathielenkung, welche insbesondere den Weg Shylocks von "villain" zu "victim" nachvollziehbar macht.

Robert Smallwood (Stratford-upon-Avon) - vielen Mitgliedern der Gesellschaft von Stratford-Aufenthalten her als Referent und streitbarer Diskussionspartner bekannt - stellte in seinem Beitrag "Doubling of Parts" das theatralische und interpretatorische Potential des mittlerweile weit verbeiteten Rollen-Doppelns in den Mittelpunkt und belegte dies mit zahlreichen Beispielen aus derzeit laufenden bzw. geplanten RSC-Inszenierungen.

Für Dr. Hans-Georg Modlmayr (Borken-Gemen) führt der bisher eingeschlagene Weg der konventionellen, meist lehrwerksgebundenen Fremdsprachenvermittlung eher in die Sackgasse der Ineffizienz, zu viele Stunden erbringen zu wenig fremdsprachliche Kompetenz. Er plädierte deshalb in seinem - im Anschluss übrigens viel diskutierten - Beitrag für eine Art des Lernens, welche ohne künstliche Schritte dem Erwerb einer zweiten Muttersprache gleichkommen sollte. Dabei spielt originalsprachliche Literatur nahezu von Anfang an eine Schlüsselrolle und die Shakespeare-Lektüre ist keine Drohung am Horizont der Sekundarstufe II, sondern essentieller Bestandteil des Unterrichts.

Mittlerweile ist Shakespeares Werk in den Lehrplänen des Englisch-und Deutschunterrichts in vielen Bundesländern wieder "fixiert" - insofern steht eben nicht so sehr das "Ob...", sondern mehr das "Wie..." hinter dem auch augenzwinkernd gemeinten Tagungsmotto - und dies haben Schülergruppen des Johanneums Hoyerswerda und des Weimarer Schiller-Gymnasiums für sich so beantwortet, dass sie sich einzelne Aspekte dieses Pflichtprogramms sehr produktiv erspielten. Das Spektrum reichte dabei vom Pyramus und Thisbe Spiel aus dem "Sommernachtstraum" (Weimar) bis zum kompletten "Shakespeare-Guide"(Johanneum Hoyerswerda). Dieser wurde locker unvoreingenommen vorgetragen - und zum Teil extra musikalisch arrangiert: Shakespeare-Lieder, Sonette und kurze Spielszenen. Dafür gab es zu Recht viel Beifall im Workshop, in dem geprobt, vorgestellt und diskutiert wurde - mit Gleichaltrigen und eben auch den Tagungsteilnehmern der Shakespeare-Gesellschaft, die von solcherart Dialog- und "Jugendprojekten" eigentlich nicht genug haben kann.

Eine abschließende Podiumsdiskussion gab dann am Sonntag den Teilnehmern der Tagung, welche dankenswerterweise vom Thüringer Kultusministerium nachhaltig unterstützt wurde, die Möglichkeit, mit Regisseuren und Schauspielern der Inszenierungen aus Stuttgart und Bochum ins Gespräch zu kommen. Diese lockeren Runden erfreuen sich durchaus wachsenden Zuspruchs - immerhin hatten sich am Sonntagvormittag noch einmal an die 50 Interessenten auf den Weg ins "mon ami" gemacht . Man war sich darin einig, dass die gezeigten Inszenierungen jeweils auf ihre Art "ankamen", gerade die Bochumer eine frische, schnörkellose Lesart des selten gespielten "Cymbeline" auf die Bühne brachten und Stuttgarts "Shakespeare in Music" vor allem durch und mit dem Kontrast von E-Musik und dem (Sprach)Klang der Sonette faszinierte.

Nach dieser doch im wesentlichen positiven Resonanz wird es in nächster Zeit darauf ankommen, das erfolgreiche Konzept der Herbsttagungen fortzusetzen aber dennoch die Suche nach neuen Akzente nicht zu vernachlässigen. Ideen für Bochum, Herbst 2001 sind somit gefragt.

Dr. Roland Petersohn, Jena