Beiträge aus dem Shakespeare-Jahrbuch 137 (2001)

"Shakespearean off-shoots" oder "Shakespeare verwandelt"

- das war das Motto der diesjährigen Bochumer Frühjahrstagung unserer Gesellschaft, dem das Ereignis dieser vier Tage wirklich mehr als gerecht wurde. Lag es an den sommerlichen Temperaturen - sehr ungewöhnlich um Shakespeares Geburtstag herum - oder an der Qualität der einzelnen Darbietungen - es herrschte eine fröhliche, gesellige Stimmung, die wir uns wieder wünschen und die der Tagung natürlich zugutekam.

Das Forum Museum in Bochum war der Ort, an welchem die meisten Veranstaltungen stattfanden. In den Pausen gab es reichlich Gelegenheit zu Gedankenaustausch zwischen den Teilnehmern. Peter Whelan, London, hielt die mit Begeisterung aufgenommene BOCHUMER REDE ZUM SHAKESPEARE-TAG mit dem Titel "Shakespeare slept in Acton". Danach war die Inszenierung MASS FÜR MASS in der Regie von Leander Haußmann im Schauspielhaus zu erleben. Sie wurde allerdings nicht mit ungeteilter Begeisterung aufgenommen, was vor allem daran lag, daß sie schlicht und ergreifend etwas langweilig rüberkam. Die Teilnehmer entschädigten sich mit lebhaften Gesprächen über Sinn und Zweck von Theater bis tief in die sommerliche Nacht hinein.

Am nächsten Tag waren - für akademische Verhältnisse - wirklich frische, ungewöhnlich publikumswirksame Vorträge zu erleben: (Johann Schmidt, Hamburg "In Love with Shakespeare"; Dieter Schulz, Heidelberg "American Shakespeare"; Robert Wilcher, Birmingham "Alias Shakespeare"; Ann Thompson, London "The new wing at Elsinore", David Rabey, Aberstwyth "On being a Shakespearean Dramatist"; Norbert Kentrup, Bremen "Publikum als Freund und Gegner") Der Abend im Theater wurde wieder mit etwas getrübtem Vergnügen zur Kenntnis genommen. Die Inszenierung "Der Sturm" in der Regie von Jürgen Kruse vermochte das Interesse der Zuschauer nicht durchgängig zu fesseln - eine Teilnehmerin erzählte gar, daß sie eingeschlafen sei.

Am Samstag standen Vorträge, Kolloquien und ein workshop im Mittelpunkt des Tagesinteresses. Silke Meyer leitete das Studentenkolloquium "Systeme spiegeln Shakespeare"; Marianne Novy, Pittsburgh, sprach über "Women Writers in Dialogue with Shakespeare"; Virginia Mason Vaughan, Worcester, sprach über "Invocations of Shakespeare's Tempest"; Ton Hoenselaars, Utrecht, sprach über "Richard Wagner and the Great Lost Shakespeare Play"; Richard Proudfoot, London, sprach über "Some versions of Lear"; Desmond Graham, Newcastle, sprach über "Poems after Shakespeare".

Am Nachmittag fand eine Szenische Lesung statt, aus der ein aufregender Theaternachmittag wurde, was vor allem dem beachtlichen Engagement einer Gruppe Schauspielstudenten der Folkwang Hochschule Studiengang Schauspiel Bochum unter Leitung des Dozenten und Regisseurs Johannes Claus zu verdanken war. Die jungen Schauspieler verwandelten Shakespeareadaptionen der Studenten Szenisches Schreiben der Hochschule der Künste Berlin unter Leitung von Jürgen Hofmann in ein aufregendes Spiel, das von den Zuschauern mit Begeisterung aufgenommen wurde. Anschließend diskutierten die Teilnehmer im Kolloqium mit Theaterleuten zum Thema "Regt uns Shakespeare noch auf?"

Am Abend dann konnten sich alle Shakespearefreunde dem Theaterereignis "Liebes Leid und Lust" in der Inszenierung von Katja Paryla fröhlich hingeben. Das Gastspiel aus Weimar wurde mit Bravorufen und Beifallssturm honoriert. Es gab auch Stimmen, die anschließend meinten, alles wäre nicht tiefgründig genug angelegt gewesen. Sicher wahr - aber: auch die Meckerer hatten vorher kräftig ihre Lachmuskeln spielen lassen. Erwähnt sei noch das beachtliche Konzert der Bochumer Symphoniker "Hector Berlioz, Roméo et Juliette, op 17", das parallel zum Theaterabend im Auditorium maximum der Ruhr-Universität unter großem Beifall stattfand.

Am Sonntag dann klangen die Shakespeare Tage mit der traditionellen Festversammlung aus. Den Festvortrag hielt Mirjam Pressler, Walkertshofen, "If you prick us, do we not bleed?" - die musikalische Umrahmung besorgte das Bläserquintett der Bochumer Symphoniker.

Anna Christin Naumann, Berlin