Wie läßt sich Shakespeares Zeit charakterisieren?

Shakespeares Lebenszeit (1564-1616) fällt in die Frühe Neuzeit, die innerhalb der englischen Geschichte vom Ende des fünfzehnten bis zur Mitte des siebzehnten Jahrhunderts angesetzt wird. Oft hervorgehoben wird der tiefgreifende Umbruchcharakter dieser Zeit. Zunächst bezieht sich dies auf den religiösen Umbruch: seitdem sich Heinrich VIII. an die Spitze der Kirche in England gesetzt hatte (1534) und den Bruch mit Rom vollzogen hatte, bestand England auf seinem eigenständigen Status. Die herrschende Tudor-Dynastie (1485–1603) förderte nicht zuletzt mit ihrem eigenen Mythos die Entstehung einer nationalen Identität, die beispielsweise Shakespeares Historiendramen nach dem Sieg über die (katholische) spanische Armada 1588 aktiv mitgestalteten.

In der Frühen Neuzeit entstand auch der frühmoderne Kapitalismus – und England definierte sich ab der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts allmählich als expandierende Handels- und Kolonialmacht im europäischen Maßstab. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war England eine relativ unbedeutende Größe im europäischen Machtspiel gewesen; zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte es deutlich an Einfluß gewonnen.

Innerhalb Englands wurde London zur modernen Metropole im europäischen Maßstab. Die Stadt, deren Theaterszene Shakespeares Aufstieg ermöglichte und zugleich durch Shakespeares Dramen gestaltet wurde, hatte im Jahre 1550 schätzungsweise 70.000 Einwohner; um das Jahr 1600 waren es bereits etwa 200.000, und 1650 etwa 375.000.

Shakespeare begann seine Theaterkarriere unter Königin Elisabeth I. (der Tochter Heinrichs VIII. aus dessen kurzer Ehe mit Anne Boleyn), die von 1558 bis zu ihrem Tod 1603 regierte und unter der England politisch wie auch kulturell eine Blüte erlebte, die auch heute noch als Elisabethanisches bzw. “Goldenes” Zeitalter er- und verklärt wird. Elisabeth I. hatte ein ausgeprägtes Gespür für die effiziente theatralische Präsentation ihrer Herrschermacht, wie etwa ihre marienhafte Selbstinszenierung als jungfräuliche Königin beweist, und die subversive Nähe von Shakespeares Unterhaltungstheater zu Elisabeths Herrschaftstheater wurde durch die vorherrschende Zensur nur mühsam kontrolliert.

Die vorherrschende Auffassung von Shakespeare als elisabethanischem Autor läßt gelegentlich vergessen, daß Shakespeare von 1603 bis zum Ende seiner Karriere unter James bzw. Jakob I.  schrieb, dem ersten Stuart auf dem englischen Thron, in dessen Regentschaft ebenfalls einige zentrale Neuerungen fielen. Hierzu gehört vor allem die absolutistischere Ausrichtung seiner Herrschaft. Auf seine Initiative erschien 1611 die bis heute zentrale “King James Bible” (auch: “Authorized Version”), die – zusammen mit kleineren Publikationen des Königs zu religiösen und politischen Themen – auch das Schreiben Shakespeares beeinflußte. Erst unter der Regentschaft Jakobs entstanden einige der Hauptwerke Shakespeares, wie z.B. Othello, King Lear, Macbeth, Antony and Cleopatra und The Tempest.