Warum sind die Deutschen so fasziniert von Shakespeare?

Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Zum einen mag man die außerordentliche sprachliche Qualität und gedankliche Tiefe der Werke Shakespeares anführen, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts das ‘Volk der Dichter und Denker’ immer wieder beschäftigt haben und zur Bezeichnung Shakespeares als dritter deutscher Klassiker (neben Goethe und Schiller) geführt haben. Zum anderen ist die Shakespeare-Rezeption in Deutschland eine wechselvolle Geschichte, in der Shakespeare für die verschiedensten Interessen in Dienst genommen wurde und aus der hier nur einige Stichworte genannt werden können.

Nach gelegentlichen Erwähnungen im 17. Jahrhundert wird Shakespeare im 18. Jahrhundert zunehmend ins Feld geführt - ein wichtiger Text ist hier Lessings 17. Literaturbrief von 1759 -, um der regelorientierten, klassizistischen französischen Ästhetik eine andere (englische) entgegenzusetzen. Diese Gegenbewegung inszeniert Shakespeare immer mehr als Genie, das sich über alle Normen hinwegsetzt, in seinen Werken seinen eigenen Regeln folgt und seine eigene Natur erschafft. (Die Shakespeare-Begeisterung des jungen Goethe etwa bricht sich 1771 Bahn in seinem Ausruf: “Natur! Natur! nichts so Natur als Shakespeares Menschen”.)

Für die Romantiker ist es gerade das von den Klassizisten abgelehnte Wunderbare in Shakespeares Dramen, das ihn zum Inbegriff einer nachahmenswerten Dichtung macht. Der steigenden Bekanntheit Shakespeares in Deutschland entspricht die Verfügbarkeit seiner Werke, die bald in mehreren Übersetzungen vorliegen (etwa von Eschenburg und Wieland); die bis heute sprachmächtigste Übersetzung ist die von Dorothea Tieck, August Wilhelm Schlegel und Wolf Heinrich von Baudissin die bald einen eigenständigen Status als klassischer Text der deutschen Literatur erlangt.

Fast alle deutschen Literaturschaffenden der Zeit messen sich an Shakespeare, der auch zunehmend für nationalistische Redeweisen instrumentalisiert wird. Mit seinem Wilhelm Meister legt Goethe das Fundament für die große Hamlet-Begeisterung der Deutschen, die zunächst in Freiligraths Ausspruch “Hamlet ist Deutschland” gipfelt (1844), der die ohnmächtige Tatenlosigkeit des Bürgertums mit dem Zögern des Dänenprinzen gleichstellt. Das 19. Jahrhundert ist in Deutschland die Zeit, in der sich das (politisch weitgehend machtlose) Bildungsbürgertum der Shakespeare-‘Pflege’ zu widmen beginnt. 1864 wird die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft gegründet, bezeichnenderweise als erste deutsche literarische Gesellschaft überhaupt und vor der Gründung ihres englischen Pendants. Eine Kenntnis der Werke Shakespeares wird immer mehr zum reputierlichen Bildungsgut, und die universitäre Etablierung der Neuphilologien bringt die akademische Shakespeare-Forschung hervor. Shakespeare wird in Deutschland sehr oft aufgeführt, und die Akribie ‘historisch korrekter’ Aufführungen sowie die Verkörperung seiner großen Charaktere durch große Mimen spiegeln den Zeitgeist wider.

Im 20. Jahrhundert dient ein manipulierter Shakespeare in vielerlei Gestalt den verschiedensten ideologischen Interessen, und die Versuche der kulturellen Vereinnahmung erreichen zu den Zeiten der Weltkriege ihre Höhepunkte. Die Nazis versuchen, sich einen ‘nordischen’ Shakespeare herzurichten, während Aufführungen wie der Berliner Richard III. von J. Fehling (1937) die faschistische Verblendung bloßstellen.

Nach dem 2. Weltkrieg geht die deutsche Faszination für Shakespeare unvermindert weiter, dessen kultureller Rang innerhalb Deutschlands längst nicht mehr angezweifelt wird. In Shakespeare-Inszenierungen verhandeln sich beide deutsche Staaten selbst - oder sie fliehen vor der Vergangenheit in eine vermeintlich zeitlose Kunst. Seit Brecht wird Shakespeare von deutschen Dramatikern immer mehr als textueller und ideologischer Steinbruch betrachtet, aus dem sich Differenz und Selbsterfahrung gewinnen lassen; am deutlichsten eingelöst wurde dieses Programm in Heiner Müllers Hamletmaschine (1977).

In der Gegenwart ist Deutschland stark mit der internationalen Shakespeare-Industrie vernetzt, durch die Forschung, die Theaterpraxis, den Shakespeare-Tourismus und vielfältige andere Aktivitäten des kulturellen Austauschs.