Ist Shakespeare wirklich der Autor der Dramen?

Ja – aber. Es gibt vor allem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine ganze Reihe von Forschern, die die Autorschaft eines gemeinen Stratforder Bürgers bestreiten, der noch zudem (so Ben Jonson) über “small Latin, and less Greek” verfügt habe. Stattdessen vermuten sie einen gebildeteren und zumeist einen aristokratischen Autor.

Mit großem kabbalistischen Spürsinn suchen vor allem die Vertreter der Autorschaft Sir Francis Bacons (1561-1626) in den Texten nach versteckten Hinweisen auf ihren Kandidaten: Edwin Durning-Lawrence argumentierte etwa 1910 in Shakespeare is Bacon, daß das lateinische Wortungetüm "honorificabilitudinitatibus" in Love’s Labour’s Lost ein Anagramm sei, welches sich (übersetzt) folgendermaßen auflösen ließe: “Diese Dramen, F. Bacon entsprungen, werden der Welt bewahrt”.

Die Namen von anderen möglichen Verfassern, die ins Spiel gebracht und von einer überzeugten Anhängerschaft zum Teil vehement vertreten werden, reichen von Edward de Vere, dem 17. Earl of Oxford, über den Dichter Christopher Marlowe (bei dessen frühzeitigem Tod 1593 es sich demnach um eine Finte gehandelt haben müßte) bis hin zu Königin Elisabeth I. selbst.

Auch wenn keine dieser Theorien nach dem heutigen Wissenstand haltbar ist, bleiben sie nichtsdestotrotz hochinteressant: Von den romantischen Vorstellungen, die an dem Traum von einem genialischen Überdichter festhalten (und den Namen Shakespeares lediglich durch einen anderen Namen ersetzen), bis hin zu den großangelegten, weitumspannenden Verschwörungstheorien, die vor allem im Internet kursieren, lassen diese Theorien Rückschlüsse auf die kulturellen Begehrlichkeiten der jeweiligen Zeit zu, die sie hervorgebracht hat.

Selten stellen die Autoren dieser Theorien dabei die Frage, deren Antwort tatsächlich “Nein” ist: die Frage nach der alleinigen Autorschaft Shakespeares. Manche Dramen sind nachweislich Gemeinschaftsprodukte mit anderen Dramatikern – so schrieb Shakespeare etwa The Two Noble Kinsmen (1613) und All is True (1613-14)zusammen mit John Fletcher (1579-1625).

In einem weiteren Sinne sind aber alle frühneuzeitlichen Theaterstücke Kollaborationen zwischen den Dramatikern, den Schauspielern, den Produktionsstätten und nicht zuletzt dem Publikum. Shakespeares genaue Rolle in der Genese eines jeweiligen Stücks abschließend zu bestimmen wird kaum möglich sein. Selbst die Rolle von Schreibern wie Ralph Crane, der zumindest fünf der Dramen für den Druck aufbereitete, ist nicht zu unterschätzen.

Ohnehin sind viele der Quartoausgaben, die uns als schriftliche Zeugnisse der Aufführungen verbleiben, auch zu Shakespeares Lebzeiten weder von ihm betreut noch autorisiert worden. Auch die erste Folioausgabe seiner gesammelten Werke (1623), die wichtigste und manchmal einzige Grundlage für viele moderne Leseausgaben, ist vor allem eine Kollaboration von zwei Schauspielerkollegen: John Heminge und Henry Condell.

Selbst wenn für ‘Shakespeare’ damit vor allem die Rolle eines sinnstiftenden (und prestigeträchtigen) Etiketts bliebe, welches den Dramen angeheftet wird, kann dies ihre unbestreitbare künstlerische Qualität und ihre enorme kulturelle Wirkmacht keineswegs schmälern.