Die Geschichte der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft

Ruth Freifrau von Ledebur

Am 23. April 1864 wurde die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft anlässlich der Jubiläumsfeiern zu Shakespeares 300. Geburtstag in Weimar gegründet. Sie ist die älteste unter den literarischen Gesellschaften Deutschlands, rund 20 Jahre älter als die ebenfalls in Weimar ansässige Goethe-Gesellschaft. Vielfältige Interessen bündelten sich in dieser Gründung; als ausschlaggebend gilt die Initiative des Industriellen Wilhelm Oechelhäuser, der sich seit seiner Jugend als ein Liebhaber Shakespeares verstand. Oechelhäusers ursprüngliche Idee, in den wichtigsten deutschen Städten ein Netz von Zweigvereinen zu gründen und in „einer deutschen Hauptstadt“ den Sitz der Gesellschaft zu errichten, stieß nur in Weimar und in Berlin (dort lediglich bei dem Privatgelehrten Friedrich August Leo) auf Interesse. In Weimar wurde am 8. April 1864, dem Geburtstag der Großherzogin Sophie, zur Vorbereitung der Jubiläumsfeiern ein „Verein der Shakespeare-Freunde“ gegründet, der den Nukleus für die Shakespeare-Gesellschaft bildete. Die Großherzogin und erste Protektorin der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft konnte Franz Dingelstedt, Intendant am Weimarer Hoftheater, für das Vorhaben gewinnen. Der wichtigste Magnet für auswärtige Gäste und potentielle Gründungsmitglieder war Dingelstedts Inszenierung des Shakespeareschen Historienzyklus am Weimarer Theater anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten. Die offizielle Konstituierung der Gesellschaft am 23. April 1864 fand unter Teilnahme von namhaften Schriftstellern und Theatermännern wie Dingelstedt oder Friedrich Bodenstedt, Privatgelehrten und Universitätslehrern wie Friedrich August Leo, Hermann Ulrici oder Nicolaus Delius, Kaufleuten und Industriellen wie Oechelhäuser, sowie Angehörigen des Weimarer Hofes statt. Diese Gründungsmitglieder repräsentierten im wesentlichen die Berufsgruppen der Mitgliederschaft in den ersten Jahrzehnten.

Die neu gegründete Gesellschaft setzte sich als Ziel: „die Pflege Shakespeares in Deutschland durch alle Mittel wissenschaftlicher und künstlerischer Association zu fördern“ (§ 1 der Satzung von 1864). Dieses Ziel, das in der wechselvollen Geschichte der Gesellschaft im wesentlichen erhalten blieb, sollten die drei wichtigsten Institutionen der Gesellschaft realisieren: die jährliche Mitgliederversammlung (die sogenannten Shakespeare-Tage), das Shakespeare-Jahrbuch und die Shakespeare-Bibliothek. Auch diese haben sich, mit unterschiedlicher inhaltlicher Ausrichtung in jeweils wechselnden historischen Kontexten, bis in die Gegenwart erhalten.

Ein heiß umkämpftes Objekt der jungen Gesellschaft war die Herausgabe kommentierter Übersetzungen, die für Theater wie für Schulen verbindlich sein sollten, sowie einer deutschsprachigen „Volksausgabe“ der Dramen, die vor allem der Popularisierung der Werke des englischen Nationaldichters dienen sollte. Unter entscheidender Mitwirkung von Wilhelm Oechelhäuser, dem „Gründungsvater“, konnte 1891 die Volksausgabe der Dramen erscheinen; hingegen scheiterte das Projekt, eine verbindliche Übersetzung unter dem Patronat der Shakespeare-Gesellschaft zu veröffentlichen, an den unterschiedlichen Interessen der beteiligten Übersetzer, Schriftsteller, Wissenschaftler und Verleger. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstand sich die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft als diejenige Instanz, die über Wert oder Unwert vor allem neuer Übersetzungen verbindlich zu urteilen hatte. Die Problematik einer solchen Richterfunktion demonstriert aus heutiger Sicht der Streit um die auf der Bühne der 20er und 30er Jahre erfolgreichen Übersetzungen von Hans Rothe, der in der Ächtung Rothes durch die Nationalsozialisten gipfelte und nach 1945 eine unheilvolle Fortsetzung fand, an der sich  die Shakespeare-Gesellschaft maßgeblich beteiligte. Gegenwärtig enthält sich der Vorstand jeglicher offizieller Beurteilung von Shakespeare-Inszenierungen oder –Übersetzungen.

Mit der Etablierung der Hochschulanglistik und des Englischunterrichts an den Schulen wuchs die Anzahl der Fachgelehrten unter den Mitgliedern, während die Zahl der Schauspieler und Intendanten ständig abnahm. Fünf Jahre nach ihrer Gründung hatte die Gesellschaft rund 190 Mitglieder, nach 1900 stieg die Zahl auf 626 an (1913). Das Hauptziel der Gesellschaft, die Verbreitung der Kenntnis und der Pflege Shakespeares, suchte man durch die Herausgabe des auch international renommierten  Shakespeare-Jahrbuchs zu erfüllen sowie durch den Aufbau der in Weimar ansässigen Shakespeare-Bibliothek, die um 1964 rund 7500 Bände umfasste. Die Beziehungen zum Theater wurde auf den jährlichen Generalversammlungen mit der Festaufführung eines Shakespeare-Dramas sowie mit der „Theaterschau“ im Jahrbuchgepflegt. An diesen Schwerpunkten der Aktivitäten hatte sich in den ersten rund 50 Jahren wenig geändert.

In den 140 Jahren seit ihrer Gründung hat die Shakespeare-Gesellschaft auch immer an den wechselvollen Geschicken der politischen und sozio-kulturellen Geschichte Deutschlands partizipiert. Die Jubiläumsfeiern von 1914 anläßlich des 50jährigen Bestehens der Gesellschaft demonstrierten ihren Grundkonsens, der sich den wertkonservativen, nationalen und monarchistischen Ideen des Bildungsbürgertums verpflichtet wußte. Im Geiste Shakespeares pflegte man insbesondere mit England freundschaftliche Verbindungen, die allerdings durch die Feindschaft im Ersten Weltkrieg empfindlich gestört wurden. Während der Weimarer Republik dominierte weiterhin eine konservative Gesinnung, die sich u.a. in der Skepsis gegenüber republikanisch-liberalen Strömungen äußerte und in der Pflege der Beziehungen zum Hause Sachsen-Weimar-Eisenach, das trotz der republikanischen Verfassung weiter als Protektor der Gesellschaft fungierte. Nur langsam wurden die kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen zu England wieder aufgebaut.

Während des „Dritten Reichs“ konnte sich auch die Shakespeare-Gesellschaft - wie alle anderen wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen – nicht dem Einfluss der nationalsozialistischen Diktatur entziehen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse – die Gesellschaft hatte ihr Vermögen weitgehend in den Inflationsjahren verloren – zwangen zum Beitritt in eine NS-Körperschaft für zwischenstaatliche Vereinigungen, die Einfluss auf das Vereinsleben (Wahlen, Mitgliederversammlungen, Satzungsänderungen) zu nehmen suchte. Zwar hatte sich der damalige Präsident der Gesellschaft erfolgreich dagegen gewehrt, den berüchtigten „Arierparagraphen“ der „Gleichschaltung“ systematisch anzuwenden, wonach alle jüdischen Mitglieder aus der Gesellschaft hätten ausgeschlossen werden müssen. Der erzwungene „freiwillige Austritt“ eines prominenten jüdischen Vorstandsmitglieds konnte jedoch nicht verhindert werden. Auch das Vortragsprogramm der Jahrestagungen verweist auf das Lavieren zwischen Anpassung an die NS-Ideologie und dem Streben nach wissenschaftlicher Unabhängigkeit. Mit der letzten Tagung 1941 und dem Jahrbuchvon 1943 kam die Tätigkeit der Gesellschaft in den Wirren des letzten Kriegsjahres gänzlich zum Erliegen.

Nach 1945 war, anders als 1918, ein Wiederanknüpfen an  überlieferte Traditionen nicht möglich. Zwar erhielt 1946 die Shakespeare-Gesellschaft zusammen mit der Goethe- und der Dante-Gesellschaft in Weimar von der Sowjetischen Militärregierung die Lizenz zur Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit, jedoch war durch die Teilung Deutschlands der Austausch zwischen den Besatzungszonen stark behindert. Demzufolge wurde, ebenfalls 1946, zur Betreuung der in den sogenannten „Westzonen“ ansässigen Mitglieder mit der Unterstützung der englischen Militärregierung eine Zweigstelle in Arnsberg (Westfalen) gegründet, die bald nach Bochum übersiedelte. Zwar existierte weiterhin die Verbindung mit der „Hauptstelle“, dem Sitz der Gesellschaft in Weimar, aber das reguläre Vereinsleben mit Vorstandssitzungen und Mitgliederversammlungen wurde zunehmend durch die Spannungen und Konflikte zwischen den unterschiedlichen politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Systemen behindert. Beeinflusst durch den „Kalten Krieg“, kam es schließlich 1963 im Zuge der Vorbereitungen zu den Jubiläumsfeiern 1964 – Vierhundertjahrfeier von Shakespeares Geburtstag und Hundertjahrfeier der Gründung der Gesellschaft – zur Teilung der Gesellschaft. Hinfort existierten für rund 30 Jahre nebeneinander und eingebunden in ihr jeweiliges politisches System die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft West e.V., mit Sitz in Bochum, und die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft in Weimar, die von einander unabhängig ihre Jahrestagungen durchführten und ihr jeweiliges Shakespeare-Jahrbuch herausgaben. Bereits vor 1989 bahnten sich Kontaktaufnahmen zwischen beiden Shakespeare-Gesellschaften an; nach dem Ende der deutschen Teilung wurde in einem sorgfältigen Prozess in paritätisch besetzten Gremien die Zusammenführung vorbereitet. Auf den Shakespeare-Tagen 1993 in Weimar konnte die Wiedervereinigung der beiden deutschen Shakespeare-Gesellschaften vollzogen und ein gemeinsamer Vorstand gewählt werden. Weimar ist (wieder) Sitz der Gesellschaft, die heute rund 2000 Mitglieder zählt.

Literaturhinweise

Ledebur, Ruth Freifrau von: Deutsche Shakespeare-Rezeption seit 1945. Frankfurt am Main:   Akademische Verlagsgesellschaft, 1974.

Ledebur, Ruth Freifrau von: Der Mythos vom deutschen Shakespeare: Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft zwischen Politik und Wissenschaft 1918-1945. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 2002.

Lehnert, Martin: „Hundert Jahre Deutsche Shakespeare-Gesellschaft“, Shakespeare-Jahrbuch, 100/101 (1964/65), 9-54.

Ludwig, Albert: „Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft: Ein Rückblick anlässlich ihres 50jährigen Bestehens“, Shakespeare-Jahrbuch 49 (1913), 1-96.

Meyer, Silke: Checkpoint Shakespeare: Shakespeare-Rezeption in Deutschland als deutsche Nationsgeschichte 1945-1990. Düsseldorf: Grupello, 2006.