Martin-Lehnert-Preisträgerin 2014

2014 wurde der Martin-Lehnert Preis an Frau Elisa Leroy (München) vergeben, die eine hervorragende Magister-Arbeit zum Thema “Sprachmodelle in Shakespeares King Lear: Lektüre einer Sprach-Tragödie” verfaßt hat.

Im folgenden finden Sie die Laudatio, die Prof. Dr. Werner Brönnimann (St. Gallen) anläßlich der Preisverleihung am 27. April 2014 während der Weimarer Frühjahrstagung gehalten hat:

Es scheint zunächst verstiegen, ein Drama Shakespeares als “Sprach-Schauspiel” – also ein Schauspiel mit der Sprache als Protagonistin – zu bezeichnen und es entsprechend zu untersuchen. Doch Ihr Text, liebe Frau Leroy, ist keineswegs trocken oder allzu weit entfernt vom lebendigen Drama – im Gegenteil. Systematisch, diszipliniert und dennoch ausgesprochen anschaulich beschreiben Sie in Ihrer Studie den Zerfall eines dominanten Sprachmodells und die Installierung eines neuen im Rahmen der Tragödie des König Lear. Was in meiner Zusammenfassung einigermaßen theaterfern tönt, entpuppt sich als zentrales, dynamisches Kraftfeld des Stücks, ohne dass solche ‘Zentralität’ aufgesetzt wirkt, erzwungen wurde oder den Boden der Bühnenrealtität verlässt. Das Wort ‘Sprachmodell’ wurde von Ihnen mit Bedacht gewählt, denn es bezeichnet keine umfassende Sprachtheorie, sondern nur im untersuchten Drama eingeschriebene und nur da wirksame Konzepte und Vorstellungen der Gültigkeit und Wirksamkeit sprachlicher Äußerungen. Saussures Konzept der Willkürlichkeit sprachlicher Zeichen und Austins Sprechakttheorie haben Sie zunächst in einen viel älteren sprachphilosophischen Kontext eingebettet. Bereits hier finden sich überraschende Einsichten. Lears Abdankung wird als politischer und sprachlicher Sündenfall bezeichnet; der biblische Sündenfall seinerseits als erster Sprechakt der Menschheit, nämlich als Verführung, als gelungene persuasio. Der für King Lear dominante Konkflikt zwischen einem monistischen Sprachmodell, in dem Wort und Ding unzertrennbar eins sind, und einem dualistischen, in dem die Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem arbiträr ist, wird von Ihnen im Kratylos und bei Aristoteles nachgewiesen. Geschickt verbinden Sie das monistische Sprachkonzept mit dem corpus mysticum, jener von Kantorowics dargestellten Einheit des königlichen Körpers, der die Trennung in body natural und body politic aufhebt. Die Signaturenlehre, nach der die Körperlichkeit der Dinge das spirituelle Innere symbolisiert, wird von Ihnen auf originelle Weise mit der Kleidermetaphorik in King Lear verknüpft. Das gleiche gilt für die Rhetorik, die als Schmuck und Einkleidung der Sprache verstanden wird. Während die Rhetorik die Täuschung durch Sprache vorhersah, um nicht zu sagen ‘vorsah’, sind Austins performatives weder wahr noch unwahr. Es gilt hier Searles sincerity condition; wird diese Bedingung missachtet, kann ein Sprechakt nicht glücken. Solche Idealität wird von Edmund zertrümmert, denn für ihn gilt, wie Sie sehr schön und treffend formulieren: “Die Ehrlichkeit der anderen garantiert den Erfolg seiner Unehrlichkeit”. Lears für die Frühe Neuzeit durchaus typisches Festklammern an einer monistischen Sprachsicht, nach der er seine realiter abgegebene Macht in die performative Wirksamkeit seiner Worte verlegt, verliert zusehends ihre Kraft. Paradigmatisch dafür die Szene vor Gloucesters Haus, wo Lears Befehle, seine performatives, zu bloßen Feststellungen (constatives) reduziert werden. Sie weisen überzeugend das politische (im monistischen Modell) und das ethische (im arbiträren Modell) Scheitern der beiden sich widerstreitenden Sprachmodelle nach und stellen die These auf, dass das Drama ein neues, alternatives Sprachmodell entwickelt, das sich an der Performativität des Theatralischen orientiert und auf raffinierte Weise die Mitarbeit des Publikums ein- und erfordert. Paradigmatisch für diese Entwicklung untersuchen Sie, Frau Leroy, die Gerichtsszene (mock trial) und die Dover Cliff-Szene. Auf der Bühne und noch mehr in der Imagination der Zuschauer werden neue Beziehungen zwischen Dingen und ihren Bezeichnungen geschaffen, es werden ganze Szenerien entwickelt, die nur in der Einbildungskraft bestehen. Damit gelingt es Ihnen als Verfasserin, theoretische Erwägungen darzustellen, ihre Relevanz für die Tragödie nachzuweisen und schließlich zu überwinden und in eine neue Form zu gießen. In der Transformation sprachtheoretischer Konzepte und in ihrer funktionellen Weiterentwicklung liegt die innovative Kraft Ihrer Arbeit. Die Jury des Lehnert-Preises möchte Ihre wirklich sehr überzeugende Leistung mit der Verleihung des Lehnert-Preises für Magister-Arbeiten belohnen.