Martin-Lehnert Preisträgerin 2009

Der Lehnert-Preis 2009 ging an Katrin Tüstedt für ihre Dissertation „Sea-change of Romance: Shakespeares Tempest und das Umschlagen von Tragödie
in Komödie“.

Zusammenfassung

Die Dissertation liest Shakespeares spätes Stück The Tempest als eine besondere Form der Komödie, die das tragische Setting vorangehender Tragödien aufnimmt und in einem spezifischen „Sea-change“ wendet. Die Lektüre geschieht vor dem Hintergrund eines philosophischen Diskurses, der den Übergang von Tragödie zu Komödie als einen Übergang in die Moderne begreift. Anhand der Rezeptionsgeschichte der Romanze The Tempest lassen sich zwei Pole der Deutung erkennen, mit der die Wendung, die in diesem Stück vollzogen wird, als eine Wendung in die Moderne erscheint: The Tempest wurde der Tendenz nach entweder romantisch verklärt oder aber in historisch-politischem Ernst verstanden. Diese beiden Tendenzen – märchenhaftes Spiel und politischer Ernst – lassen sich auf philosophische Diskurse beziehen, die im Hintergrund der Shakespeare-Rezeption eine ähnliche Dichotomie bezüglich des Übergangs von Tragödie zu Komödie aufweisen. Anhand dieses Genre-Übergangs wird die fortschreitende Entwicklung in die Moderne auf verschiedene Weise (geschichts-)philosophisch gedeutet, wobei sie als Verfalls- wie auch als Fortschrittsgeschichte erscheinen kann – in beiden Fällen impliziert der Eintritt in die Moderne eine Unmöglichkeit, genuine Tragödien hervorzubringen. Die moderne Komödie scheint deshalb die Tragödie in zwei jeweils entgegen gesetzte Richtungen ab- und aufzulösen: Zum einen wird der Schritt in die Komödie als eine Zivilisierung verstanden, die den tragischen Konflikt überwindet, zum anderen als eine Bewegung hin zu einem ‚reinen Spiel‘, das eine Sphäre jenseits des Tragischen konstituiert. Beide Linien treten, wie die Dissertation verdeutlicht, aus dem Raum der Tragödie heraus. Mit einer solchen Verdrängung des Tragischen können aber, wie die Arbeit zeigen will, neue tragische Dispositionen produziert werden, mit denen weder eine Komödie des Rechts, noch eine des reinen Spiels umgehen kann. Was den Sturm hingegen ausmacht, ist eine von diesen Diskursen unbeachtet gebliebene Alternative: nämlich gerade der Versuch mit einem tragischen Setting in komödienhafter Weise umzugehen, ohne es zu negieren. Die Dissertation zeichnet anhand detaillierter Einzelanalysen der fünf Akte nach, wie The Tempest die Tragödie auf verschiedenen Ebenen aufruft und in einem ‚Sea-change of Comedy‘ wendet, ohne sie dabei zu schlichten oder in Spiel aufzulösen.