Martin-Lehnert-Preisträger 2017

2017 wurde der Martin-Lehnert Preis an Herrn Dr. Oliver Morgan (Genf) vergeben, der eine hervorragende Dissertation zum Thema “Turn-taking in Shakespeare ” verfasst hat.

Im folgenden finden Sie die Laudatio, die Prof. Dr. Felix Sprang (Siegen) anläßlich der Preisverleihung am 23. April 2017 während der Weimarer Frühjahrstagung gehalten hat:

Oliver Morgans Doktorarbeit Turn-taking in Shakespeare, die an der Universität Genf eingereicht wurde, ist von der Jury als brillante und überzeugende Leistung gewertet worden. Sein Anliegen ist es, den Blick dafür zu schärfen, wie meisterhaft Shakespeare die soziale Dynamik von Interaktionen zwischen Gesprächspartnern in die Dialogmuster seiner Stücke eingeschrieben hat. Auf der Basis der ‚conversational linguistics‘ entwickelt er ein präzises und gleichzeitig produktives terminologisches Instrument, das den Bedürfnissen literarischer Analysen angepasst ist. Dieses ermöglicht, die Gesprächsdynamik der Stücke bezüglich der Einhaltung, wie auch der Flexibilisierung, Strapazierung oder Übertretung der ‚traffic rules of interaction‘ (Goffman) zu untersuchen.

In seiner Anwendung setzt das linguistische Instrumentarium sowohl historisches Wissen als auch hermeneutische Kompetenz voraus. Das stellt Oliver Morgan nicht in Abrede. Das für die Textanalyse erforderliche historische Wissen betrifft hier vor allem soziale Verhaltensregeln, die das reale Leben damals bestimmten. Es betrifft ferner den Transfer von page to stage in der heutigen Theaterpraxis und die Lektürepraktiken, die diesen Inszenierungen zugrunde liegen. Morgans Dialoganalysen sind auch dann sehr differenziert, wenn er informelle ‚local allocations‘ betrachtet – die Diskursanalyse ist stets an eine kulturhistorische Sensibilität gekoppelt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Analyse des Dialogs zwischen Othello, dem Fürsten, Brabantio und Desdemona. Hier zeigt Morgan Interaktionsregeln auf, anhand derer sich der dramatisch stilisierte Dialog als komplexe soziale Interaktion prägnant rekonstruieren lässt.

Für Morgan sind Shakespeares sind dabei Theaterdialoge keine realen Sprechakte, sondern ‚a stylized form of turn-taking, in which the patterns of real conversation are heightened and made obvious‘ (19).

Überzeugt hat die Jury vor allem die Kombination der Einfachheit von Morgans Ausgangsidee und der Differenziertheit und Akribie ihrer Entwicklung und Anwendung in den besprochenen Dialogsequenzen.

Diese Differenziertheit und Akribie zeigt sich beispielsweise, wenn Morgan die Interpunktion der erhaltenen Quarto- und Folio-Texte in den Blick nimmt.

Er stellt beispielsweise fest, dass es in der Quarto1-Ausgabe 31 Kommata gibt, die am Ende eines Satzes stehen – also dort, wo eigentlich ein Punkt, Ausrufe- oder Fragezeichen zu erwarten wäre. Eine “Annomalität”, die die Folio-Ausgabe und alle modernen Ausgaben “korrigieren” – in der Annhame, der Drucker habe hier Fehler gemacht: Ein Beispiel:

Lear. The bow is bent & drawen make from the shaft,

Kent. Let it fall rather,

Though the forke inuade the region of my heart …37Q1, sig. B3r (1.135-37).

Alle modernen Textausgaben ersetzen das Komma nach “shaft” durch einen Punkt.

Dazu bemerkt Morgan:

If we accept that a terminal comma can sometimes indicate suspension, and that suspension can occur even after what looks like a complete sentence, then we need to take seriously the possibility that the comma after ‘shaft’ is not noise but signal. This is not a judgement that can be made purely on the basis of syntax and metre. It is a judgement that rests instead on two kinds of context—the bibliographical context of the comma itself, and the dramatic context of the speech it follows.

Wenn Morgans Einschätzung „Shakespeare‘s brilliance as a poet and playwright have long overshadowed his brilliance as a writer of dialogue“ zutrifft, dann hat uns diese Arbeit die Augen und Ohren geöffnet.