Martin-Lehnert Preisträger 2010

2010 wurden zwei erste Preise vergeben. Sie gingen an die Abschlussarbeiten von Kareen Klein (Genf) und Lukas Lammers (FU Berlin).

Kareen Klein unternimmt ein Editionsprojekt. Unter dem Titel „’Die Liebe hats gethan’: Edited passages of the seventeenth-century German Shakespeare adaptation Romio und Julieta“ gilt ihr Interesse dem Text einer deutschen Romeo and Juliet-Version aus dem frühen 17. Jahrhundert – die Titelfiguren darin heißen Romio und Julieta –, ein Spieltext also, der aus dem Repertoire einer jener Wandergruppen stammt, die Shakespeares Erfolgstragödien für ihr Publikum übersetzten, aufbereiteten, teilweise umschrieben, d.h. den Bedürfnissen oder Interessen einer anderen Theaterkultur anpassten, in jedem Fall jedoch sehr viel für die frühe Verbreitung und Popularisierung von Shakespeares Werk im europäischen Kontext beitrugen. International recht bekannt und oftmals zitiert ist eine deutsche Hamlet-Version aus genau diesem Zusammenhang mit dem Titel Der bestrafte Brudermord. Wenig bekannt und international auch in Fachkreisen kaum zugänglich jedoch ist die genannte Romeo und Julia-Bearbeitung, was u.a. ganz schlicht daran liegen dürfte, dass bislang keine einzige englischsprachige Übersetzung dieses Stücktexts vorliegt (und nur wenige britische oder amerikanische Shakespeare-Forscher überhaupt deutsch lesen). Eine solche zu erstellen, sie mit einer gründlichen Edition des deutschen Spieltexts zu verbinden und daraus Erkenntnisse zu den Seh- und Spielgewohnheiten, den Bühnenkonventionen und Publikumsinteressen der deutschen Theaterkultur im 17. Jahrhundert zu gewinnen, ist das Vorhaben von Kareen Klein. Für die Master-Thesis, die wir heute auszeichnen, hat sie zentrale Passagen dieses Vorhabens ausgewählt und ausgearbeitet; für die Dissertation, die sie derzeit erstellt, wird eine vollständige Edition, Übersetzung und Kommentierung des gesamten Stücks erarbeitet.

Lukas Lammers unternimmt unter dem Titel „World and Stage: King Richard II and the Performance of History on the Elizabethan Public Stage“ eine sehr subtile, kenntnisreiche und komplexe Textlektüre eines einzigen Stücks, nämlich des Historiendramas Richard II. In ebenso eingehender wie eindringlicher Weise wird dieses große history play Szene für Szene und Akt für Akt geduldig erschlossen und dabei, wie man als Leser mit Verblüffung wie echtem Gewinn feststellt, auf ganz neue Weise wieder ganz neu spannend. Lammers’ Augenmerk liegt durchweg auf der besonderen Situation des Theaterspielens, die sich stets zwischen Rollenfiktion und Aufführungsrealität ansiedelt und just in diesem Drama mit ungeheurer Raffinesse durch- und ausgespielt wird. Diese Dualität produktiv auszumessen und gerade auch für das Historiendrama, das ja immer auch – und ganz besonders in Richard II – ein hochpolitisches Feld gestaltet, zur konsequenten Deutungsanleitung zu machen, ist das eigentliche Ziel der Arbeit. Sie untersucht den vielfachen Wechsel im Theatertext zwischen unmittelbarem Einbezug des Publikums in das Geschehen und seiner Distanzierung ebenso wie zwischen der Konstruktion einer fiktionalen Welt auf der Bühne und der metadramatischen Reflexion dieser Fiktion. Auf diese Weise findet eine besondere Auseinandersetzung mit Geschichte und Geschichtsschreibung statt, die zugleich verdeutlich, wie sich das Historiendrama von erzählenden Geschichtswerken wie den Chronicles, die seine Quellen waren, unterscheidet. Diese Arbeit bietet damit eine neue Antwort auf die alte Grundsatzfrage: Was kann das Theater?