Martin-Lehnert Preisträger 2007

Björn Quiring
Björn Quiring

Der Martin-Lehnert Preis 2007 ging an Björn Quiring (Viadrina, Frankfurt O.) für seine Dissertation zum Thema: "Shakespeares Fluch: Die Aporien ritueller Exklusion in drei Königsdramen der englischen Renaissance".

Zusammenfassung

Gestützt vor allem auf die Arbeiten Walter Benjamins analysiert die Dissertation den Fluch als legitimierendes und verschuldendes Supplement der Rechtsprechung. Shakespeares Drama verarbeitet die christliche Verfluchung als sakralen Sprechakt, der auf ein rechtsetzendes Gottesgericht einerseits als transzendentalen Bestandteil der Weltordnung verweist, dieses strafende Gericht aber andererseits selbst zu vollziehen beansprucht. Verwandte Sprechakte, speziell der Segen und der Eid (als konditionale Selbstverfluchung), sind in diese doppelbödige, nahezu paradoxale Struktur einbezogen; ihre sakralen Vollzüge sind aporetisch, da sie den Weltlauf zugleich affirmieren und negieren, ihn insofern "aufführen". Eben aufgrund dieser unaufgelösten Ambiguität handelt es sich beim Fluch und seinen Derivaten um eminent theatralische Sprechakte.

Zeremonielle Fluchformen spielen noch in der Gesellschaft der Shakespearezeit bei der Legitimation von weltlicher und kirchlicher Souveränität eine zentrale Rolle, zuvorderst in den liturgischen Formen von Eucharistie und Anathema. Seit der Reformation werden diese Zeremonien einerseits kritisiert und restringiert, andererseits als umkämpfte von verschiedenen Institutionen und Interessengruppen neu in Anspruch genommen: von staatlichen Stellen, von der anglikanischen Kirche, Puritanern, klandestinen Katholiken und überraschenderweise auch von Juristen und Kaufleuten aufgrund der zunehmenden (ideologischen wie praktischen) Bedeutung der Vertragsform, die sich auf den Eid als auf ihre Keimzelle bezieht. Das staatlich kontrollierte, aber über den freien Markt finanzierte Theater flottiert zu Shakespeares Zeit wie der Fluch zwischen diesen gesellschaftlichen Fronten; es erscheint als instabile kulturelle Kompromissbildung, speziell zwischen der sich entwickelnden kapitalistischen Marktwirtschaft und den Ritualen der Souveränität. Das postreformatorische kommerzielle Theater ist der ideale Ort, um bereits marginal werdende staatliche und kirchliche Zeremonien einerseits als leer und abgestorben auszustellen, aber andererseits ihren Formen als nach wie vor notwendigen, weil unbewältigten eine neue Unterkunft zu geben und sie so diskutierbar zu halten; der Fluch ist solch ein suspendierter Rest, der in Shakespeares Dramen sozusagen als Gespenst wiederkehrt.

Shakespeares Königsdramen gehen aus von durch Fluch und Eid dynamisierten Legitimitätsproblemen und spielen anhand ihres Wucherns die Wechselwirkungen zwischen theologisch-politischen und ökonomisch-pragmatischen Diskursen durch. Über die Darstellung dieser Annäherung von Zeremonien transzendentaler Herrschaftslegitimation an die Warenform führt das Theater auch die Allegorie seiner eigenen Genese auf, wie sich anhand der drei Dramen "Richard III", "King John" und "King Lear" demonstrieren lässt. Am leichtesten ist dieser Sachverhalt anhand der Person Richards III. aufzuzeigen, der explizit als Konvergenzpunkt von Fluch und Theater auftritt: als Parodist der Eucharistie und des Feudaleids, inkarniertes Verhängnis und Dramatiker seines eigenen Historientheaters. Indem es diesen proteischen Meister der ironischen Darstellung auf die Bühne bringt, eignet sich Shakespeares Theater die alten Strukturen des Fluchs an und entfaltet deren unaufhebbare Paradoxien, die eine Identifikation mit fixen symbolischen Mandaten zunehmend verunmöglichen. Im Drama Richards transzendiert letztlich nur die ironische Struktur der Repräsentation selbst die Unwägbarkeiten königlicher Legitimität; die Bühne erscheint als die einzig wahrhaft souveräne Institution, deren handgreiflichen Sarkasmen sich selbst Richard letztlich nicht gewachsen zeigt. In "King John" wird auch diese ironische Position in das theatralische Geschehen hineingespiegelt und dort destruiert: Nicht allein scheitern die Identifikationen mit festen symbolischen Mandaten, auch die distanznehmende Deidentifikation erweist sich angesichts der gnadenlosen, selbstzerstörerischen Gewalt geschichtsbildender Rechtskonflikte als prekär. Das Theater inszeniert sich in "King John" als sterbliche und gefährdete Institution.

"King Lear" treibt diese Entwicklung konsequent in ein logisches Endstadium: Ist ihm die Demontage des göttlichen, transzendenten Rechts vorangegangen, schließt der "Lear" eine Dekonstruktion der überdeterminierten Schwellenfigur des Naturrechts an, wie sie sich zu Shakespeares Zeit herauszubilden beginnt. Die Entfaltung des Naturrechts hat in diesem Drama eine zunehmende Entgrenzung der Verfluchungen zur Folge, in der Inversion, Kollaps und Verwesung sozial verbindlicher Formen zur Verdinglichung des Fluchs in variierenden "fatalen Requisiten" führen. Shakespeare verarbeitet so nicht nur eine unbewältigte Vergangenheit, sondern präfiguriert auch moderne, zukunftsträchtige Formen der naturrechtlichen Herrschaftslegitimation wie z. B. das Hobbessche Staatsrecht, wobei sichtbar wird, wie auch in diesen Theorien noch der Fluch als unbewältigter Rest umgeht. Die drei analysierten Dramen machen auf diese Weise sinnfällig, dass der Fluch ein latentes Erbteil der europäischen Kultur darstellt, eine Hypothek der Repräsentation, mit der noch gerechnet werden muss. Es ist gerade die dekonstruktive Ausfaltung seiner aporetischen Struktur, die es Shakespeare ermöglicht, die Artikulation des Fluchs zu modernisieren und unter neuzeitlichen Bedingungen einen Gewinn aus ihm zu ziehen. Ein unhegbarer, zersplitterter Fluch ist so der modernen Bühne angemessen worden, bzw. die Bühne ihm.