Narration in Drama / Drama as Narrative (Preface)

Vorwort: Erzählen im Drama / Drama als Erzählung

von Susanne Rupp und Tobias Döring

Wer danach fragt, was ein Dramatiker ‚erzählt‘, befragt zugleich die medialen Möglichkeiten des Theaters. Traditionell gilt wohl der Unterschied zwischen Zeigen und Berichten, das heißt zwischen mimetischer und diegetischer Darbietung eines Geschehens, als maßgeblich für die unterschiedlichen Verfahren von Dramatik oder Epik. Allerdings zeigt gerade die Shakespeare-Bühne, daß ihr Spiel kaum je auf epische Vermittlungsleistungen verzichtet. Durch eingelagerte Geschichten, Briefe, Boten oder andere Zwischengänger wird uns hier ebenso viel aus dem fiktionalen Raum hinter der sichtbaren Bühnenwirklichkeit erzählt, wie oftmals auch Chorus-Figuren, Kommentatoren oder Conférenciers vom Hintergrundgeschehen melden. Was ist deren Funktion? Wie mächtig und wie zuverlässig sind solche Vermittler? Wodurch lassen sich ihre Erzählungen autorisieren oder anfechten? Wie steht ihr verbales Medium zur Mimesis der Bühne? Und was wird womöglich zugleich durch nicht-verbale Medien – wie Körpersprache, Requisiten oder andere materielle Zeichen – im Theater noch erzählt? In historischer Betrachtung zeigt sich außerdem, daß Shakespeare-Dramen ohnehin zu manchen Zeiten vorrangig als poetische Geschichten gelesen wurden beziehungsweise für den Hausgebrauch (durch Autoren wie Charles Lamb oder neuerdings Urs Widmer) vorsätzlich nacherzählt worden sind: Wie verändert sich ihr Bedeutungsspektrum mit solchem Medienwandel?

Die Beiträge des wissenschaftlichen Seminars beschäftigen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Erzähler Shakespeare und eröffnen damit ein breites Spektrum, das sowohl historische als auch systematische Fragestellungen umfaßt. Sibylle Baumbach untersucht am Beispiel der ‚Gesichtslektüre‘ einen nonverbalen Modus des Erzählens auf Shakespeares Bühne. In seinem Beitrag zur Figur des Falstaff zeigt Joachim Frenk, inwiefern der Protagonist zum Schnittpunkt für eine Vielzahl sich gegenseitig relativierender Erzählstimmen wird. Dieter Fuchs widmet sich der Poetik der Rachetragödie und führt am Beispiel des Hamlet vor, wie sich die Engführung von dramatischer Performanz und narrativer Vermittlung auf konkurrierende semiotische Modelle beziehen läßt. Die Rezeption Shakespeares im Deutschland des 17. Jahrhunderts steht im Mittelpunkt des Beitrags von Ralf Haekel, der auf den stark erzählerischen Gestus der deutschen Fassungen aufmerksam macht, die dadurch eher ‚nacherzählt‘ als übersetzt wirken. Susanne Kaul erörtert am Beispiel eines Streitgesprächs aus Measure for Measure,inwiefern auch in einer dialogischen Form die Narratio präsent sein kann.