Narration in Drama / Drama as Narrative

Rede und Gegenrede im Geschichtengewebe: Narrative Argumente in Measure for Measure

von Susanne Kaul

Einleitung

Erzählen im Drama

Figurenberichte; Briefe

Das wissenschaftliche Seminar trägt den Titel „Erzählen im Drama / Drama als Erzählung“. Beim Erzählen im Drama denken wir vor allem an Figurenberichte; sei es der Botenbericht, der sich auf Vergangenes bezieht, das außerhalb des Bühnengeschehens stattgefunden hat, sei es, daß Horatio Hamlet von der Geisterscheinung erzählt, die vorher szenisch gezeigt worden ist, oder zeitlich unmittelbare Erzählungen wie die Mauerschau oder wie wenn Bernardo zu Francisco sagt, daß es gerade zwölf geschlagen hat. Auch der von Horatio laut gelesene Brief, in dem er Hamlet erzählt, was sich bei ihm inzwischen ereignet hat, wäre so ein klassischer Fall einer ins Drama eingeflochtenen Erzählung. In allen diesen Fällen erzählen die Figuren explizit.

Metaphorisch: Gesten, Requisiten

Etwas anderes ist es, wenn wir von Requisiten oder Gesten sagen, daß sie etwas erzählen. (Sibylle Baumbach zum Beispiel spricht in ihrem Beitrag vom „erzählenden Gesicht“.) In solchen Fällen hat „erzählen“ einen metaphorischen Sinn. Wenn Hamlet und Laertes in Ophelias Grab springen, um auszufechten, wer von beiden mehr Recht darauf hat, um sie zu trauern, sind das Gesten, die viel ‚erzählen‘ über den stolzen Charakter der beiden Männer und deren konkurrierendes Verhältnis zu Ophelia. Erzählen ist hier im übertragenden Sinn gebraucht und auch sehr weit gefaßt, so daß die Grenze zur Beschreibung und Charakterisierung fließend wird. Wodurch ist es gerechtfertigt, daß wir von Erzählen sprechen, wo im wörtlichen Sinn nichts erzählt wird? Und in welchem Sinne stellt das Drama eine Geschichte dar, wenn es doch (in Gattungsbegriffen gesprochen) keine Erzählung ist?

Drama als Erzählung

Plot, Mythos, Stoff

Mit diesen Fragen komme ich auf den Aspekt „Drama als Erzählung“ zu sprechen. Daß Shakespeare bestimmte Stoffe aufgesammelt und bearbeitet hat, interessiert uns für unser Seminar weniger. Die Frage für uns ist eher, was ist das Erzählerische an den Dramen. Die naheliegende Antwort darauf erscheint trivial: Eine Handlung hat einen Plot, also eine Geschichte, die dem Drama zugrunde liegt. Diese Antwort wird auch nicht weniger trivial dadurch, daß man sich auf Aristoteles’ Definition von Mythos als Mimesis der Handlung beruft. Entscheidend ist vielmehr, in welchem Sinne das Zugrundeliegen der Geschichte zu verstehen ist.

These: Narrativ verstehen

Meine Antwort ist, daß wir das Drama als Erzählung verstehen, weil wir alles, was im Drama vorkommt, nur im Kontext der Geschichte verstehen. Diese Antwort klingt zunächst genauso trivial, aber sie geht noch weiter: Ich behaupte, daß das Verstehen von Handlung und allem, was an Äußerungen, Gesten und Requisiten dazugehört, ein Verstehen von Geschichten ist. Und um es noch deutlicher zu sagen: es ist ein Verstehen der Dinge ‚als‘ Geschichten. Wir sprechen also deshalb im übertragenen Sinn von erzählenden Gesten, weil unser Verstehen so funktioniert, daß wir narrative Zusammenhänge erschließen oder auch konstruieren. Diese These ist abstrakt und zieht einen Rattenschwanz philosophischer Hermeneutik hinter sich her, den ich hier nicht präsentieren will.[1] Statt dessen wähle ich einen kleinen Szenenausschnitt aus Measure for Measure[2], der ganz unerzählerisch erscheint, um zu zeigen, daß sogar die Argumente in einem dramatischen Dialog eine narrative Funktion und Herkunft haben.

Exemplarische Analyse von Measure for Measure (II, ii)

Dialogausschnitt und narratives Gewebe

Der Dialog zwischen Isabella und Angelo liest sich beinahe wie ein Diskurs über Gerechtigkeit, wobei Isabella gegen die strenge strafende Gerechtigkeit Angelos die Gnade setzt. Isabella argumentiert, daß Angelo ihren Bruder Claudio nicht zum Tode verurteilen darf, wenn er selbst fehlbar ist. Und ihrem christlichen Menschenbild entsprechend sind alle Menschen fehlbar.

Hier ist eines ihrer Argumente:

Isabella:          […] Go to your bosom,
Knock there, and ask your heart what it doth know
That’s like my brother’s fault. If it confess
A natural guiltiness such as is his,
Let it not sound a thought upon your tongue
Against my brother’s life. (2.2.135-42)

Niemand hat das Recht, jemanden zu verurteilen für etwas, dessen er sich selbst schuldig macht oder schuldig machen könnte. So etwa ließe sich das Argument abstrakt fassen. Soweit hängt nicht viel Geschichtenhaftes an dem Gesagten. Worauf es mir ankommt, ist nicht nur, daß diese Argumente im Kontext des Geschehens zu sehen sind, also daß Claudio von Angelo verurteilt worden ist, weil er ohne gültigen Heiratskontrakt seine Verlobte geschwängert hat, und daß Angelo vom Herzog Vincentio als Stellvertreter eingesetzt worden ist, um im verlotterten Wien gesetzlich hart durchzugreifen, und daß Isabella von ihrem verurteilten Bruder gebeten wird, bei Angelo um Gnade zu flehen. Vielmehr geht es mir darum zu zeigen, daß der philosophische Gehalt der Argumente nicht herauszulösen ist aus den Geschichten, in denen sie schwimmen.

Denn Isabellas Argumentation ist Teil der Geschichte einer Frau, die als strenge Novizin selbst nicht überzeugt ist davon, daß man sittliche Vergehen durchgehen lassen sollte. Daß sie letztlich nur ihren Bruder retten will, ist ihren Argumenten aber nicht abzulesen. Die Argumente haben also eher eine narrative Funktion als daß sie philosophischen Gehalt mitteilen.

Und in Angelos Argumentation schwingt eine dramatische Ironie mit, die man nur verstehen kann, wenn man seine Geschichte betrachtet, die in dem Kontrast zwischen seinem Image als eiskalter präziser Richter und dem langsamen Verfallen an die weiblichen Reize Isabellas besteht.

Die Diskussion über Gerechtigkeit wird unterlaufen von einem Subtext, der die Szene zu einer Geschichte macht, in der ein Richter, der dazu eingesetzt worden ist, den Sittenverfall zu beseitigen, einer Novizin verfällt, die ihn dazu bringen will, sein Urteil aufzuheben. Angelos Argumente für strafende Gerechtigkeit sind verstrickt in den eigenen sittlichen Verfall. Isabellas sinnliche Sprache “Go to your bosom,/ Knock there, and ask your heart…” ironisiert stilistisch und gestisch Angelos erregten Liebeswunsch, obgleich das Bild im Rahmen ihrer Argumentation nur für das Gewissen steht (sie weiß ja noch nichts davon). Angelos präzise Richtersprache gerät daraufhin aus dem Gleichgewicht: das stilistische Stocken seiner Argumentation ‚erzählt‘ gleichsam von seiner Schwäche für Isabella. Die sexuelle Dimension des Streitgesprächs zwischen Angelo und Isabella wird besonders durch die Anfeuerungen Lucios deutlich, der als Freund Claudios Isabella bedrängt, hartnäckig zu sein in ihrem Flehen. Seine Anfeuerungsrufe klingen sehr zweideutig:

Lucio [Aside to Isabella]:
O, to him, to him, wench! he will relent.
He’s coming; I perceive’t. (2.2.125-126)

Manche Übersetzungen überliefern den Doppelsinn nicht, Tieck zum Beispiel übersetzt: „Nur weiter, Kind, er gibt schon nach / Es wirkt, ich seh es.“ Der für Sinnliches empfänglichere Wieland, setzt beinahe eindeutig auf die sexuelle Komponente; er übersetzt “to him, wench” mit „Auf ihn, Mädchen“ und “He’s coming” mit „es kömmt ihm“.

Narrative Argumente

Die Argumente erscheinen in diesem Licht eher narrativ als diskursiv, weil sie nicht die Funktion haben, einem platonischen Dialog entsprechend, die Wahrheit über Gerechtigkeit herauszubekommen; sie zeigen vielmehr, wie Argumente an die Figuren gebunden sind und diese charakterisieren oder entlarven können. Und die Figuren haben wir nur durch die Geschichten, die wir von ihnen kennen.

Und diese Geschichten konstituieren sich durch alles, was im Drama an Äußerungen und Handlungen dargestellt wird. Das heißt, sie setzen sich zusammen aus allen dramatischen Elementen, und seien sie noch so wenig diegetisch wie Argumente oder Befehle. In den Argumenten, die einen Rollentausch suggerieren – “If he had been as you” – werden außerdem Möglichkeiten alternativer Geschichtenverläufe suggeriert, die für das Verständnis des Konflikts konstitutiv sind, obwohl sie nicht ausbuchstabiert werden, denn daß die Amtsgewalt Angelos letztlich keine Substanz hat, ist eine wesentliche Pointe des Stücks.

Isabella: […]

If he had been as you, and you as he,
You would have slipp’d like him, but he, like you,
Would not have been so stern (2.2.64)

Die Argumente erzählen keine Geschichten, aber sie sind in ihrer dramatischen Funktion nur verständlich als eingebunden in einen Geschichtenzusammenhang, für den sie eine bestimmte Funktion erfüllen, und als konstitutiv für die Geschichten, in die die Figuren verstrickt sind. In diesem Sinne ließe sich von narrativen Argumenten sprechen.

Schluß

Verhältnis des Dramas zur Prosa

Was ich jetzt gesagt habe, ist nicht dramenspezifisch. Es gilt genauso für Prosatexte, in denen argumentiert wird. Wenn Kleist Michael Kohlhaas mit Luther über Gerechtigkeit streiten läßt, sind dessen Argumente auch narrativ in dem Sinne, daß man nur vor dem Hintergrund seiner Geschichte versteht, warum er für Rache argumentiert. Und die Argumentation ist ihrerseits Teil der Geschichte seiner entsetzlichen Rechtschaffenheit.

Es stellt sich die Frage, was das „Drama als Erzählung“ unterscheidet von einer Erzählung. Auf Anhieb fallen ins Auge die fehlende Erzählerinstanz und zeitliche Konzentration auf die ‚Basiserzählung‘. Hinsichtlich der Erzählerinstanz läßt sich für Measure for Measure sagen, daß der Herzog Vincentio eine Erzählerinstanz suggeriert, weil er die Geschichten seiner Untertanen kennt wie ein Erzähler die seiner Figuren, und er steuert das Geschehen auch beinahe auktorial. Was ansonsten nach wie vor einen Unterschied zwischen Drama und Prosa bildet, sind z. B. die medialen Mittel der Szenenbilder und Geräuschkulissen.

Diese Unterschiede fallen für meine These allerdings nicht ins Gewicht. Denn wenn ich davon ausgehe, daß uns alle Elemente des Dramas, seien es Handlungen, Berichte oder Gesichter, nur in narrativen Zusammenhängen zugänglich sind, dann ist der Unterschied zwischen einer vermittelnden Erzählerinstanz und sprechenden Figuren marginal wie der Unterschied zwischen eingespielter Musik, die bestimmte Assoziationen weckt und einem Erzählerkommentar, der diese Assoziationen zum Beispiel durch Einfügen einer Vorgeschichte herstellt.

Zirkelschluß?

Zum Schluß will ich noch eine Sache klarstellen: Meine Argumentation soll nicht als Zirkel mißverstanden werden, etwa so, daß ich die Argumente zuerst aus dem Geschichtenzusammenhang herauslöse, um sie dann wieder in Geschichten zurückzuverwandeln. Es sollte vielmehr gezeigt werden, daß das, was auf den ersten Blick am wenigsten narrativen Charakter hat (das Austauschen von Argumenten), nur als in Geschichten eingebunden verstanden werden kann, d. h. die Argumente können als narrative Argumente bezeichnet werden, insofern sie eine narrative Funktion und Herkunft haben.


Anmerkungen

[1] Siehe dazu: Susanne Kaul, Narratio. Hermeneutik nach Heidegger und Ricœur, München 2003.

[2] William Shakespeare: The Riverside Shakespeare, edited by G. Blakemore Evans, Boston: Houghton Mifflin, 1974.


Abstract

What’s narrative about statement and response? Drama seems to be completely non-narrative when it is built around an abstract discussion like Angelo’s and Isabella’s in Measure for Measure. The weighing of retribution with mercy is more similar to a philosophical discourse than to a story. I argue that statement and response here are caught in the story’s web. The arguments are to be called narrative arguments not because they tell a story themselves but because they live in the story, can not be understood beyond the story’s context, and contribute to the personal stories the characters got into.