Bardolatry

„Und welch ein Verhältnis ist es?“ Anne Shakespeare und Christiane von Goethe in der bürgerlichen Kunstreligion

von Enno Ruge

Christiane von Goethe

Christiane von Goethe.
Aquarellierte Bleistiftzeichnung von J. F. A. Tischbein. Um 1812[1]

„Welcher Dämon hat ihm diese Hälfte angeschmiedet?“ fragt sich Charlotte von Schiller im Jahr 1812 anläßlich einer Reise des Ehepaars Goethe nach Karlsbad bestürzt. Sie fürchtet, der bereits zu Lebzeiten Goethes gepflegte Dichterkult um den „Meister“, wie sie Goethe nennt, könne Schaden nehmen, wenn er sich in der Öffentlichkeit mit seiner ‚gewöhnlichen‘ Ehefrau zeige.

Die dicke Ehehälfte haust schon dort [in Karlsbad], und ich bin ordentlich besorgt, daß die hohe Idee der Verehrung der dortigen nachbarlichen Welt vor [d. h. für] den Meister nicht leidet, wenn sie dieses Bild des Lebens erblicken, daß [sic] so ganz materiell ist und an das sich alles Gleichartige auch hängt.[2]

Mit diesem Kommentar, dessen Gehässigkeit nicht zuletzt aus profaner Eifersucht gespeist sein dürfte, ist die Ehefrau eines der drei ‚Weimarer Klassiker‘, die bei den Shakespeare-Tagen 2004 im Mittelpunkt standen, bereits abgehandelt. Charlotte von Schillers Worte sollen allerdings den Ausgangspunkt bilden für eine nähere Betrachtung der merkwürdigen Eheverhältnisse Goethes und auch Shakespeares, dessen Frau Anne ja ebenfalls von vielen jegliche “qualities of brilliance and cultured grace”[3] abgesprochen wurde. Die Wahl der Lebenspartnerinnen drohte die Anhänger der „hohen Idee der Verehrung“ immer wieder in Verlegenheit zu bringen. Wie war es möglich, daß ein verehrter Dichter, der ein Werk hervorbrachte, welches bis heute seinesgleichen sucht, sich für immer mit einer Frau verband, die allem Anschein nach ihm intellektuell weit unterlegen war, an seiner schöpferischen Tätigkeit nur bedingt oder gar nicht Anteil nahm, ihm auch in puncto Weltgewandtheit nicht das Wasser reichen konnte und die sich offenbar im Lauf der Verbindung in keiner Hinsicht wesentlich weiterentwickelte? Und kann eine Ehe unter diesen Voraussetzungen überhaupt ‚glücklich‘ gewesen sein?

Diese Fragen wurden allerdings erst zu einem festen Bestandteil der Beschäftigung mit den Klassikern, als sich die Vertreter der bürgerlichen Kunstreligion für den Menschen hinter dem Werk zu interessieren begannen, der eine Frau aus Fleisch und Blut brauchte. Bis dahin schien die ‚gewöhnliche‘ Natur der Ehefrauen, anders als von Charlotte von Schiller befürchtet, die „hohe Idee der Verehrung“ kaum zu stören. Die Frage, was für eine Persönlichkeit sich ein Geistesfürst als „weibliche Ergänzung seiner Persönlichkeit“[4] wählte, versprach neue Erkenntnisse über die „Psychologie“ des Genies.[5] Indem allerdings das Eheleben und der Alltag zu Objekten des Interesses wurden, gerieten zwangsläufig auch einige problematische Aspekte ins Blickfeld, die ernsthafte Zweifel daran aufkommen ließen, ob die großen Dichter auch in ihrer Rolle als Ehemänner und Familienväter ein Vorbild abgaben.

Hier gibt es bemerkenswerte Parallelen zwischen Goethe und Shakespeare zu verzeichnen. Neben den großen Unterschieden in Bildung und Alter der Lebens­part­ner – Christiane war fünfzehn Jahre jünger als Goethe, Anne acht Jahre älter als Shakespeare – waren es vor allem die wiederholten langen Abwesenheiten der Männer von ihren Familien, wodurch die Anhänger des Dichterkults in Erklärungsnot gebracht wurden. Dies und anderes nährte den Verdacht, daß die Dichter ihre Frauen nur gering achteten. Goethe beispielsweise erzählte seiner Mutter das erste Mal von Christiane, als die Lebensgemeinschaft mit ihr schon fünf Jahre bestand und sie bereits Mutter seines Sohnes geworden war, und heiratete sie erst weitere dreizehn Jahre später. Shakespeare vermachte seiner Frau bekanntlich expressis verbis nichts außer dem „zweitbesten Bett“. Die Biographen, die die Eheverhältnisse nicht mehr ignorieren oder sentimental verklären konnten, standen vor der Herausforderung, diese unter Berücksichtigung der problematischen Seiten wahrheitsgemäß und psychologisch glaubwürdig zu schildern, ihre Schilderung aber gleichzeitig mit den bürgerlichen Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts in Einklang zu bringen. Dabei hatten sie zwei Möglichkeiten: zum einen die Ehe irgendwie als trotz alledem ‚glücklich‘ darzustellen, zum anderen ein mögliches Fehlverhalten des Dichters mit Hinweis auf die gewöhnliche Natur der Ehefrau zu entschuldigen, denn schließlich galt es immer noch, den Ruhm des großen Mannes zu mehren.

Edward Dowden, ein Spezialist für heikle Fälle[6], entschied sich in seiner 1893 erschienenen Shakespeare-Biographie für die erste Alternative:

We cannot suppose that the wife of his early choice, the daughter of a husbandman, could have followed Shakespeare in his poetical mountings of mind or in his profound dramatic studies of character, but there is a wide field for mutual sympathy and help in the common joys and sorrows and daily tasks of household life, and the greatest of men are sometimes they who can best value the quality of homely goodness. We cannot think of Shakespeare’s marriage as a rare union of perfect accord, but we are not justified in speaking of it as unfortunate.[7]

Nicht alle Biographen mochten sich jedoch mit der Vorstellung der „züchtigen Hausfrau“, die dem Dichter ein trautes Heim bereitete, während er „hinaus ins feindliche Leben“ zog, zufriedengeben. Zunehmend wurde eine besondere Sinnlichkeit als das ausgemacht, was die Männer angezogen, aber auch abgestoßen habe. Dies eröffnete freilich auch eine neue, sexistische Dimension der Herabwürdigung in den Darstellungen der Dichterfrauen. Anne wird zur „Dirne“[8], Christiane erscheint als „gutgewachsenes, kräftiges Animal“[9]. Die Frauen hätten die Männer durch ihre sexuelle Freizügigkeit angezogen und später geschickt an sich gefesselt, so daß es zu spät war, als ihnen bewußt wurde, worauf sie sich eingelassen hatten. Wiederum in Schillers Worten ausgedrückt: „Der Wahn war kurz, die Reu war lang.“ Obwohl es misogyne Darstellungen auch von Christiane Vulpius gab, wurde diese Art der Repräsentation nur im Fall von Shakespeares Frau dominant. Im Unterschied dazu gelang es, das Bild von Goethes ebenso sinnesfrohem wie tüchtigem „Bettschatz“[10] in das Projekt der Glorifizierung des großen Dichters zu integrieren. Zu Beginn ihrer großen Biographie Christiane und Goethe aus dem Jahr 1998 listet Sigrid Damm zwar eine ganze Reihe von abschätzigen Kommentaren über Goethes Frau auf, doch geschieht das vor allem, um ihre Biographie als counter-narrative positionieren zu können.[11] In der Geschichte der Darstellungen Goethes und seines Umfelds kommt Christiane nämlich überwiegend ganz gut weg, besonders wenn man sie mit den Repräsentationen Anne Shakespeares vergleicht.[12]

Es dürfte kaum möglich sein, der Persönlichkeit Anne Shakespeares gerecht zu werden, weil wir kaum etwas über sie wissen. Im Unterschied zu Christiane Vulpius sind keine Äußerungen von Zeitgenossen über sie, keine Bildnisse, geschweige denn Selbstzeugnisse erhalten. Das bedeutet allerdings auch, daß den Shakespeare-Biographen, die etwas über Shakespeares Jugendjahre in Stratford und seine Familie schreiben müssen, eine besondere Verantwortung zukommt; schließlich entwerfen sie auf die historische Anne Hathaway bezogene Konstrukte, die in Ermangelung historischer Dokumente unsere Vorstellung von ihr maßgeblich mitbestimmen.[13] Nun haben die meisten Shakespeare-Biographen in dieser Hinsicht kläglich versagt. Viele konnten gar der Versuchung nicht widerstehen, Anne auf dem Altar der bardolatry zu opfern.

Unklarheiten in den wichtigsten Dokumenten, die Shakespeares Ehe betreffen, der Heiratsurkunde sowie Shakespeares Testament, und die Tatsache, daß sich das gesicherte Wissen über Anne darauf reduzieren läßt, daß sie acht Jahre älter war als Shakespeare und von diesem in Stratford zurückgelassen wurde, nährten Spekulationen, Anne sei für ihren Mann vielleicht immer nur “second-best” gewesen.[14] Auf dieser Basis konnte ein Mythos entstehen, demzufolge die Ehe übereilt geschlossen wurde und unglücklich war. Es sieht so aus, als sei es Georg Brandes gewesen, der diesem Mythos zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal Gestalt gegeben hätte. Auf ihn dürfte auch die Legende zurückgehen, Anne habe sich im Lauf der Ehe zu einer „treulosen, herzlosen Dirne“ und später zur Puritanerin gewandelt:

Seine Gattin war in hohem Grade religiös. Es war mit ihr gegangen wie mit so vielen anderen Frauen, die in ihrer Jugend Anlaß zu Tadel gegeben haben und sich später durch um so grösserer Frömmigkeit auszeichnen. Sie hatte sich ihren Mann eingefangen, als er 18 Jahre alt war, und sie hatte damals nicht weniger heißes Blut gehabt als er; jetzt war sie ihm weit überlegen an kirchlicher Gesinnung.[15]

Brandes’ Bemerkungen über Anne sollten die Grundlage bilden für eine Reihe zumeist fiktionaler Biographien, die das Bild einer ebenso sexbesessenen wie bigotten Frau zeichneten, vor deren Geilheit der junge Shakespeare aus Stratford floh.[16] Diese Bildungsgeschichten sind für unser Thema besonders interessant, weil in ihnen die Ehefrau eine zentrale Rolle in der Entwicklung des Genies innehat, die sogar die der dark lady noch übertrifft. Ihre unwiderstehliche, alles verschlingende Sexualität steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Kreativität des Dichters. Gemäß der Theorie, die Stephen Dedalus in der “Scylla and Charybdis”-Episode in James Joyces Ulysses entwickelt, verarbeitete Shakespeare das Trauma seiner Ehe in seinen Werken, vor allen in Hamlet.[17] In Anthony Burgess’ Nothing Like the Sun steht Annes sexuelle Zügellosigkeit für das mystische Prinzip der Kreativität selbst, ganz im Einklang mit Burgess’ Maxime “Literature is an epiphenomenon of the action of the flesh”.[18] Hätte sich Shakespeare nicht für “lust” mit Anne Hathaway, sondern für “pure love” zu der braven Anne Whateley entschieden, dann hätte es womöglich kein Werk gegeben, mutmaßt der Erzähler: “If he had gone this way would he also have gone the other – dying in New Place not unhonoured, something fulfilled? But what was it that was to be desired in life, then? Reply, reply”.[19] Eine geordnete bürgerliche Ehe ist langweilig, weshalb Joyce und Burgess Anne eben „interessanter“ machen. Anders als Joyce, der sich über Biographen wie Brandes lustig zu machen scheint, pocht Burgess darauf, seine Darstellung der Anne folge den historischen Dokumenten.[20] Wie prägend das Konstrukt ist, zeigt Robert Nyes Roman Mrs. Shakespeare, worin Anne ihre eigene Geschichte erzählen darf. Zwar läßt Nyes Anne kaum ein gutes Haar an Shakespeare, doch bekennt sie sich freimütig dazu, eine “whore” und “puritan” zu sein. Auch hier ist sich das Ehepaar nur dann nahe, wenn es exzessiv „unnatürliche“ Sexualität praktiziert.[21] So ist auch diese Anne doch nur wieder das Produkt männlicher Begierde. Es ist ein Mißverständnis anzunehmen, diese Schriftsteller seien einfach nur respektlos, ihnen gehe es um die Entmythisierung, gar die Zerstörung des Geniekults. Joyce, Burgess und sogar Nye, dessen Shakespeare sich in einer Pluralität von Texten zu verflüchtigen scheint, streben – wie Thomas Mann mit Goethe – letztlich eine, durch Ironie ermöglichte, Identifizierung und unio mystica mit dem verehrten Dichtervater an, dessen „Menschlichkeit“ ihn nur noch großartiger macht.[22]

Nicht nur in Thomas Manns Lotte in Weimar sucht man vergeblich nach Schauermärchen über eine unheimliche femme fatale in des Dichters Schlafgemach.[23] In dem historischen Augenblick, in dem eine kritische Sicht der persönlichen Lebensverhältnisse Eingang in den Dichterkult fand, entschieden sich die meisten Biographen dafür, die offenkundige Sinnlichkeit der Beziehung zwischen Goethe und Christiane nicht als vorübergehenden ‚Wahn zu zweit‘ darzustellen, sondern als Bestandteil einer dauerhaften, auf gegenseitige Zuneigung gründenden Verbindung. Dies verdeutlicht wiederum am besten Georg Brandes. Es habe sich zwar um „keine ‚hohe‘ Liebe“ gehandelt, doch um eine „ernste, dauernde, überdies eine höchst natürliche und unschuldige“:

Goethes glühendes Verlangen nach Christiane war der Ausgangspunkt der Verbindung. Es wurde mit der Zeit zu einer liebevollen Neigung, so wie ein Höherstehender sie für eine anspruchslose und verläßliche Freundin fühlen kann, die nicht auf derselben Bildungsstufe steht wie ihr Beschützer. Goethe bot Christiane eine sorglose Existenz; Christiane würdigte ihn, ohne ihn eben zu verstehen, fand sich um des Zusammenlebens willen in manche Demütigung, die ihr von ihrer Umgebung bereitet wurde, und brachte ihm jederzeit eine herzliche Dankbarkeit entgegen.

Brandes zeigt auch auf, wie sich sogar die Sinnlichkeit und die Verschiedenheit der Partner als Belege für die Großherzigkeit Goethes instrumentalisieren lassen: Goethes Festhalten an Christiane gegen alle Widerstände hebt ihn heraus aus der Menge der Philister: „Nichts konnte besser erweisen, wie wenig tiefgehend die Bildung der feinen Weimarer Gesellschaft war, als das Zetergeschrei, das sich bei Bekanntwerden dieser Verbindung erhob.“[24] Daß sich das Bild von Christiane so anders entwickeln konnte als das von Anne, ist natürlich auch der unterschiedlichen Quellenlage zuzuschreiben. Neben zahlreichen abfälligen sind auch eine ganze Reihe freundlicher Äußerungen von Zeitgenossen über Christiane erhalten, darunter einige von Goethe selbst, der Christiane gegen Kritik in Schutz nahm: „Und welch ein Verhältniß ist es? Wer wird dadurch verkürzt? Wer macht Anspruch an die Empfindungen [sic] die ich dem armen Geschöpf gönne? Wer an die Stunden die ich mit ihr zubringe?“[25] Vor allem aber hat Christiane ein Gesicht und eine Stimme. Es gibt eine Reihe von Bildnissen; zahlreiche Briefe an Goethe und andere sowie ein Tagebuch sind erhalten.[26] Zwar hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, daß jede Biographie ungeachtet des zur Verfügung stehenden Materials immer ein Konstrukt ist, doch können die Dokumente Verherrlichung wie Dämonisierung zumindest erschweren. Und schließlich bleiben trotz der Materialfülle zu Goethes Leben viele Fragen letztlich offen, wie auch die, welche am Beginn dieses Essays stehen.

Am weitesten bei der Beantwortung der Frage, was für ein Verhältnis es denn nun gewesen sei, geht Kurt R. Eissler in seiner psychoanalytischen Studie zu Goethe. Das Riesenwerk, dessen erster Band erst 1983, zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung, in deutscher Sprache erschien und sogleich Furore machte, stellt einen Höhepunkt der Goethe-Biographie dar und bereitete den Boden für die ‚neue‘ Biographie. Laut Eissler litt Goethe unter einer „genitalen Störung“, die sexuelle Beziehungen zu Frauen lange unmöglich gemacht habe.[27] Christiane sei nicht nur die Richtige gewesen, diese Störung zu therapieren, Goethe hätte es auch mit keiner anderen Frau ein Leben lang aushalten können. Dementsprechend ist Eisslers Portrait Christianes fast frei von jener paternalistischen Herablassung, die die Masse der Apologien aus der Feder ihr wohlgesonnener Biographen auszeichnet:

Offensichtlich zeigte das Mädchen so viele Qualitäten und durchtränkte die Atmosphäre um sich herum mit einem so herzlichen Klima, daß das, was als vorübergehendes Vergnügen gedacht war, ein ernsthafter und notwendiger Teil seiner [Goethes] Existenz wurde. […] Goethe hatte unglaubliches Glück mit seiner Wahl von Christiane, da meinem Eindruck nach nur eine Frau ihres Typs ihm geben konnte, was er dringend benötigte, ohne ihm irgendwie zu schaden. Es ist äußerst bemerkenswert, wie diese unverfälschte Frau, die fähig war, die objektive Größe, ihres Liebhabers fast allein aus der Erfahrung seines Ansehens in ihrer Umgebung zu begreifen, sich Goethes Bedürfnissen unterordnete, ohne ihre Individualität zu verlieren oder Schuldgefühle in ihm durch Verstummen oder Schweigen auszulösen. Sie gab sich offenbar hin als das, was sie war, und ein Grundzug ihres Wesens war ihre Dankbarkeit für das, was Goethe für sie tat, ein Verlangen, soviel wie möglich bei ihm zu sein, ihren Platz auszufüllen und ihren Aufgaben gerecht zu werden in einer Weise, die ihm gefiel und ihn befriedigte. Obwohl Goethe sie bloßstellte und demütigte, indem er sie nicht heiratete und sie durch fünf illegitime Schwangerschaften gehen ließ, deutete sie in keinem ihrer Briefe den Wunsch an, seine legitime Ehefrau zu werden. Es gibt natürlich in ihren Briefen sehr viele Gelegenheiten, auf eine solche Bitte anzuspielen, aber es ist meiner Meinung nach die Frage, ob sie in ihrem Innern solche Erwartung überhaupt hegte. Sie hatte augenscheinlich ein unerschütterliches Vertrauen, daß er wußte, was das Beste für sie sein würde, und sie akzeptierte letztlich seine Entscheidungen. Zugleich fühlte sie auch, daß nichts seine Arbeit beeinträchtigen sollte, und ordnete ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse ohne zu Zögern den Notwendigkeiten seiner Kreativität unter.[28]

Gerade der Briefwechsel zeige, daß sich die Lebenspartner – zumindest bis zur Heirat im Jahr 1806 – „auf derselben Ebene verständigten“:

Es ist vielleicht eines der am meisten beeindruckenden Zeichen von Goethes Humanität, daß in den Briefen jener Periode nicht ein Satz gefunden werden kann, der Gezwungenheit, Herablassung oder ein Bemühen verrät, das Niveau auf das ihre zu senken. Die Briefe fließen mit vollkommener Leichtigkeit, Herzlichkeit und Wärme, ohne eine Zeile, von der man vermuten könnte, daß sie Christiane Schwierigkeiten beim Verstehen, oder beim Erfassen der vollen Bedeutung gemacht hätte. Das ist ein unglaubliches Kunststück, wenn man den Unterschied zwischen dem Niveau ihrer Bildung betrachtet. Wird der heutige Leser von Goethe getäuscht? Sprach er wirklich zu ihr herunter, und waren solche Briefe wirklich mit bewußtem Bemühen und Absicht geschrieben? Ich glaube das nicht. […] Tatsache aber ist, daß sie gerade so wie die anderen Briefe ihm eigen sind, und trotzdem vollkommen auf den Brennpunkt seines geliebten, ungebildeten Mädchens konzentriert, die nur am Tanzen, an Festen, und an Haushaltsaufgeben Interesse hatte, und vor allem an Goethes und ihres Sohnes Wohlergehen und guter Laune.

Goethe habe in seine Briefe an Christiane eine Seite seiner Persönlichkeit einfließen lassen, „die er allein in dieser Beziehung ausdrücken konnte: das Vermeiden von Abstraktionen und seine Vorliebe für Konkretes“.[29] Für Eissler ist Christiane eben nicht nur Goethe Haushälterin und „Sexualpartnerin“, die Frau, die den Dichter an sich „fesselte“.[30] Selbst die problematischen Aspekte von Goethes Verhalten ihr gegenüber, das ewige Aufschieben der Heirat und die langen Abwesenheiten von seiner Familie, sind für Eissler keine „Zeichen von Ambivalenz“ auf Goethes Seite, sondern „in Wirklichkeit Teil der vollkommenen Einrichtung seiner neuen Lebensumstände“, einer Einrichtung, die eben nicht nur Goethes, sondern auch Christianes Persönlichkeit stabilisierte. Dies alles mache die Beziehung zwischen Christiane Vulpius und Goethe zu einer „der wenigen wirklich glücklichen Ehen eines künstlerischen Genies, die wir kennen. Beide Partner wurden reicher, und beide fühlten, daß sie das von ihnen am meisten Gewünschte bekamen einfach dadurch, daß beide sich wechselseitig das bedeuteten, was sie wirklich waren“.[31]

Während etwa Anthony Burgess auch deshalb eine psychopathische Persönlichkeit für Anne Hathaway konstruiert, um sie zu einer Manifestation von Shakespeares obskurer, erotischer Göttin der Inspiration machen zu können, sieht Eissler keine Verbindung zwischen Christianes Persönlichkeit und Goethes dichterischem Schaffensprozeß. Dies sei eine wesentliche Voraussetzung dafür gewesen, daß die Beziehung Bestand haben konnte, schließlich pflegte Goethe bis zu seinem mutmaßlichen sexuellen Erweckungserlebnis in Italien, kurz bevor er Christiane kennenlernte, alle Objekte seines Begehrens stets dann abzustoßen, wenn es für ihn bedrohlich wurde, um aus dem Scheitern und den damit zusammenhängenden Schuldgefühlen Dichtung werden zu lassen. Weil Christianes Einfluß gerade in sexueller Hinsicht therapeutisch gewesen sei, habe aus der Beziehung zu ihr keine Kunstwerke entstehen können.[32]

Die psychoanalytische Vorgehensweise Eisslers, die Aufdeckung verdrängter Ängste und Wünsche, die Enthüllung intimster Geheimnisse, beeinträchtigen seine persönliche Verehrung des Genies keineswegs, doch stellt er sich die Frage, ob die Erörterung destruktiven, moralisch mitunter fragwürdigen Verhaltens eines Künstlers dem populären Geniekult womöglich nicht wiedergutzumachenden Schaden zufüge. Er kommt zu einem überraschenden Schluß:

Nach seinem Tod verändert ein Prozeß der Idealisierung schrittweise das Bild des Genies in ein anderes, das den Wünschen derjenigen entspricht, die sich an der Schönheit seiner Werke erfreuen. Die Pathologie des gesellschaftlichen Widerhalls auf das Genie ist hier nicht um seiner selbst willen von Belang; ich möchte nur einen Umriß der Reaktion skizzieren als Mahnung, daß zweifellos eine auffällige Diskrepanz besteht zwischen dem, was die Gesellschaft über das Genie glauben möchte – besonders über das Genie vergangener Zeiten – und was der Gelehrte bei seiner Untersuchung als Wahrheit herausfindet. Die relative Unmoral des Genies ist ein Thema, das vielleicht nur von Experten diskutiert werden sollte. Der durch das Auftauchen der Wissenschaften in seinen heikelsten Erwartungen enttäuschte und des Trostes der Religion beraubte Mensch hat wirklich wenig übrig behalten, woran er glauben kann. Die einzigen strahlenden Illusionen, die noch übrig bleiben, sind die überwältigend schönen Schöpfungen der wenigen Genies, die bis jetzt die Erde betreten haben.[33]

Im Jahr 1985, in dem der zweite Band von Eisslers Studie auf deutsch erschien, mußten solche Sätze vollends anachronistisch klingen. Der Autor war für tot erklärt worden und es war verpönt, Verbindungen zwischen dem Werk und der Persönlichkeit eines Dichters herzustellen. Die Vorstellung, es lasse sich die „Wahrheit“ über eine historische Persönlichkeit herausfinden und darstellen, war selbst als Illusion entlarvt. Schließlich erwiesen sich die Trennungslinien zwischen populärer, gelehrter und fiktionaler Biographie wie auch zwischen Dichterkult und Wissenschaft als ziemlich durchlässig. Bekanntlich haben diese Einsichten jedoch nicht zum Verschwinden literarischer Biographien geführt. Statt dessen entstanden neue, experimentellere Formen.[34] Vor allem wurde die weibliche Sicht der Dinge zunehmend Gegenstand des Interesses, so daß es nahelag, daß sich verstärkt Autorinnen den Dichtergattinnen zuwandten.[35] Nur eine Frau, so die Annahme, könne das Leben einer Frau adäquat erzählen, zum einen weil sie unter Umständen kulturelle Erfahrungen mit der historischen Figur gemeinsam habe, zum anderen weil nur eine Frau ein Interesse an dem Projekt der Ausleuchtung einer obskuren Existenz im Schatten eines großen Künstlers haben könne, einem Projekt, welches im patriarchalischen Geniekult keinen Platz habe. Das Ergebnis muß keineswegs eine Idealisierung, eine Stilisierung der Frau zum Opfer auf Kosten des Mannes sein, wie sie so häufig mit dem Feminismus verbunden wird. Es geht vielmehr darum, daß ihr Leben neben dem des Künstlers zum gleichrangigen Objekt des Interesses wird.

Sigrid Damms große Studie Christiane und Goethe macht besonders deutlich, was eine solche Biographie zu leisten vermag, gerade weil die Persönlichkeit Christianes in den traditionellen Biographien nicht totgeschwiegen oder in dem Maß verunglimpft wurde, wie die Autorin es suggeriert. Damms besonderes Erkenntnisinteresse macht es möglich, Christianes Leben in einer nie dagewesenen Weise zu rekonstruieren. Das Bild der heiteren, witzigen, stets gutgelaunten Frau, die Essen, Trinken und Tanzen liebt und gern ins Theater ging, wird nicht verworfen, sondern ergänzt:

Aus den Briefen – ich lese zwischen den Zeilen, gehe einem Halbsatz, einer Andeutung nach, überdenke, was der Zensur der Liebe zum Opfer gefallen sein mag, vergegenwärtige mir überlieferte Fakten – tritt mir auch eine ganz andere entgegen: eine Frau, deren Körper von fünf Schwangerschaften gezeichnet ist, die unter dem Tod von vier ihrer Kinder leidet, die lebenslang von Krankheiten gequält wird, Bluthochdruck, Nierenprobleme. Eine Frau, die ihr Altwerden zu fürchten hat. Die ständig überfordert ist, weil sie eine Rolle spielen muß, für die niemand ihr den Text vorgibt; und dennoch hat sie Tag für Tag die Bühne zu betreten, für die sie nicht geschaffen ist. Eine Frau, die stets zuviel Arbeit hat. Die murrt, launisch ist. Stimmungen unterliegt. Depressionen hat. Verletzbar ist. Und einsam. Sehr einsam. Ihre schwere Krankheit in den letzten Lebensjahren. Ihr einsames Sterben, ihr früher Tod.[36]

Es wäre natürlich wünschenswert, wenn sich eine Frau in dieser Weise des Lebens der Anne Hathaway annehmen würde. Doch erscheint es wenig wahrscheinlich, daß es eines Tages ein Buch mit dem Titel Anne und Shakespeare geben wird. Eine Möglichkeit, Anne zum Leben zu erwecken jenseits von Dämonisierung, Idealisierung und debunking wäre mittels eines spielerischen Zugangs, wie ihn Egon Günther in seinem 1999 entstandenen Christiane-Film Die Braut wählt. Allein die Besetzung der Titelrolle mit einer der bekanntesten deutschen Filmschauspielerinnen, Veronika Ferres, deren physische Präsenz den ganzen Film bestimmt, macht unmißverständlich deutlich, daß hier ganz unerhörte Akzente gesetzt werden. Folgende Szene in Goethes Gartenhaus soll dies veranschaulichen:

31. Nacht – Innen

Die Handkamera leise die Stiege hinauf. Leichte Frauentritte. Äußerste Vorsicht. Oben. An der im Luftzug waagerechten Kerze vorbei. Goethe sitzt neben Christiane, die nackt auf dem Bett liegt. Sie schläft. Er wacht. Als er die leichten Frauentritte hört, die erkennt, schließt er die Augen.

Aus dem Dunkel taucht Charlotte von Steins Gesicht auf. Wahnsinnig angespannt. Angstvoll. Bewußt weicht sie dem Anblick des nackten Mädchenkörpers nicht aus. Betrachtet ihn außer Atem.

Goethe, Auge in Auge mit Charlotte, bedeckt ihn langsam, beinahe dekorativ, mit dem weißen Laken. Charlotte schlägt die Augen nieder, unversehens ist er bei ihr, barfuß, lautlos, und umarmt sie heftig. Sie umarmt ihn auch.

Die Dunkelheit verschluckt sie.

Christiane wacht erschreckt auf. Stützt sich auf. Wir sehen nicht, was sie sieht. Wie sie lauschen wir auf die Geräusche. Manchmal spiegeln sich Bewegungen, vor denen sie die Lider zuckend niederschlägt, in ihren aufgerissenen Augen.

Dann taucht er aus dem Dunkel auf, bleibt stehen und sieht sie, die nur kurz zu ihm blickt, lange an.

Christiane   Hier riecht es nach fremder Frau. Oder Katze.

Goethe        Du hast schlecht geträumt. Ich war nur mal draußen, im Gebüsch.

Sie nickt ein paarmal.

Christiane   Sie … hat… vorher … nich dran gedacht, daß sie ihren Parfümgeruch mitschleppt. … ein Orchideen-Parfüm, es hat eine feinen Hauch vom Scheißhausgeruch des Todes.

Goethe        Schlaf, Kind, schlafe. Ein böser Traum. Und sei nicht ordinär.

[…]

Christiane   Lieben Sie diese Frau und ihr Parfüm? Wenn ja, komme ich nicht wieder.

Er schweigt. Christiane steht auf, nimmt das Laken.

Christiane   … sie war hier, stimmt’s? Hat sie mich nackt gesehen?

Goethe        Ja.

Christiane   Na isses nich schön. Ihr sind wahrscheinlich die Augen ausm Kopp gefallen.

Sie zieht sich an, ruck-zuck ist das Kleidchen übergeworfen. Er sieht es hilflos, stumm, fassungslos. Sie geht. Man hört, wie unten die Tür ins Schloß fällt. Sein armer Kopf sinkt ihm auf die Brust.[37]

Günthers Film führt uns also tatsächlich in Goethes Schlafzimmer, wohin sich die Biographen Goethes – im Gegensatz zu denen Shakespeares – nicht vorwagten. Christiane ist sich ihrer sexuellen Ausstrahlung bewußt und setzt sie gezielt gegen ihre Rivalin ein, doch ist sie kein Konstrukt männlicher Begierde. Der Film erweckt die historischen Gestalten zum Leben, läßt er ihnen aber paradoxerweise ihr Geheimnis. Welch ein Verhältnis es ist, bleibt letztlich ein Rätsel. Indem Günthers Spiel-Film den Anspruch auf „Wahrheit“ (Eissler) und auf „die Annäherung an die tatsächlichen Vorgänge, an das authentisch Überlieferte“ (Damm)[38] hinter sich läßt, gelingt es, die Geschichte einer schwierigen, aber unauflösbaren Beziehung jenseits der „hohe(n) Idee der Verehrung“ zu erzählen.


Anmerkungen

[1] Christoph Michel, Hg., Goethe: Sein Leben in Bildern und Texten (Frankfurt am Main: Insel, 1987), S. 321.

[2] Zitiert nach Sigrid Damm, Christiane und Goethe. Eine Recherche (Frankfurt am Main: Insel, 2001), S. 350.

[3] Edward Dowden, Introduction to Shakespeare (London: Blackie & Son, 1893), S. 9.

[4] Eckart Kleßmann, Christiane: Goethes Geliebte und Gefährtin (Zürich: Artemis und Winkler, 1992), S. 6.

[5] Etta Federn, Christiane von Goethe: Ein Beitrag zur Psychologie Goethes (München: Delphin Verlag, 1916).

[6] Dowden verfaßte im Auftrag der Familie Shelley ein Life of Percy Bysshe Shelley (1886) und soll im Verlauf seiner Recherche sogar kompromittierendes Material vernichtet haben. Vgl. Claire Tomalin, Shelley and His World (Harmondsworth: Penguin, 1992), S. 74.

[7] Dowden (1893), S. 10.

[8] Georg Brandes, William Shakespeare (Paris, Leipzig, München: Albert Langen, 1896), S. 513.

[9] Friedrich Gundolf, Goethe (Berlin: Georg Bondi, 1916), S. 424.

[10] So nannte Goethes Mutter Christiane gegenüber ihrem Sohn. Damm (2001), S. 183.

[11] Damm (2001), S. 9.

[12] Klara Hofers Goethes Ehe (Stuttgart: Cotta, 1920) bleibt eine unrühmliche Ausnahme. Vgl. die Einzeldarstellungen zu Christiane: C. W. Emma Brauns, Christiane von Goethe, geb. Vulpius. Eine biographische Skizze (Leipzig: Wilhelm Friedrich, 1888); Federn (1916); J. C. de Buisonjé, Charlotte von Stein und Christiane Vulpius spätere von Goethe in Goethes Lyrik (Bussum: C. A. J. van Dishoeck, 1923); Wolfgang Vulpius, Christiane. Lebenskunst und Menschlichkeit in Goethes Ehe (Weimar: Thüringer Volksverlag, 1949); Kleßmann (1992). Ein Überblick über die gesamte biographische Literatur zu Goethe und Christiane kann an dieser Stelle nicht geleistet werden. Die Tendenz ist jedoch unverkennbar. Vgl. auch Deborah Victor-Engländer, „Der Wandel des Christiane-Bildes 1916–1982“, in Goethe-Jahrbuch 102 (1980), S. 280–284. Hingegen gibt es erst in letzter Zeit vermehrt Stimmen, die für Anne Hathaway Partei ergreifen: Vgl. Katherine Duncan-Jones, Ungentle Shakespeare: Scenes from His Life (London: The Arden Shakespeare, 2001); E. A. J. Honigmann, “Shakespeare’s Will and Testamentary Traditions”, in Tetsuo Kishi, Hg., Shakespeare and Cultural Traditions. The Selected Proceedings of the International Shakespeare Association World Congress, Tokyo 1991 (Newark, NJ: University of Delaware Press, 1994), S. 127–137.

[13] Vgl. Ina Schabert, In Quest of the Other Person: Fiction as Biography (Tübingen: Francke, 1990), S. 93.

[14] Vgl. S. Schoenbaum, William Shakespeare. A Documentary Life (Oxford: Clarendon Press, 1975), S. 60–76, S. 242–249.

[15] Brandes (1896), S. 513, 974–975. Siehe auch S. 47–48, S. 973–975, S. 985–986, S. 996–997.

[16] Dazu ausführlicher Enno Ruge, “‘We begin to be interested in Mrs S.’ Male Representations of Anne Hathaway in Fictional Biographies of Shakespeare”, Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik 50 (2002), S. 411–422.

[17] James Joyce, Ulysses (Harmondsworth: Penguin, 1992), S. 241.

[18] Anthony Burgess, Nothing Like the Sun: A Story of Shakespeare’s Love-life (New York and London: Norton, 1996), S. 43, S. 233.

[19] Ibid., S. 33.

[20] Anthony Burgess, “Genesis and Headache” in Thomas McCormack, Hg., Afterwords: Novelists on Their Novels (New York: Harper and Row, 1969), S. 36. Vgl. auch Burgess’ ‚nicht-fiktionale‘ Biographie Shakespeare (London: Jonathan Cape, 1970). Es scheint fast so, als antizipiere Joyce, daß eines Tages sein einflußreichster Biograph, Richard Ellman, von seiner Frau Nora als “ordinary” sprechen würde. Vgl. Linda Wagner-Martin, Telling Women’s Lives: The New Biography (New Brunswick, NJ: Rutgers University Press, 1994), S. 46.

[21] Robert Nye, Mrs Shakespeare: The Complete Works (London: Sceptre, 1994), S. 197, S. 202.

[22] Vgl. dazu das ausführliche „Nachwort des Herausgebers“ zu Thomas Mann, Lotte in Weimar, hg. v. Peter de Mendelsohn, Frankfurter Ausgabe in Einzelbänden (Frankfurt: S. Fischer, 1982), 409–472, S. 410, S. 471.

[23] Das Bild, welches der Roman von der zum Zeitpunkt der Handlung bereits verstorbenen Christiane zeichnet, ist zwar nicht schmeichelhaft, doch frei von sexuellen Anspielungen. Außerdem ist der Bericht über sie Adele Schopenhauer in den Mund gelegt. Ibid., S. 124–126.

[24] Georg Brandes, Goethe, 4. Auflage (Berlin: Erich Reiss Verlag, 1922), S. 299–300. Siehe auch S. 203, S. 541.

[25] Damm (2001), S. 125. Freundlich äußert sich natürlich vor allem Goethes Mutter, aber auch Voß. S. 351.

[26] Goethes Briefwechsel mit seiner Frau, hg. v. Hans Gerhard Gräf, Bd. 1 1792–1806, Bd. 2 1807–1816 (Frankfurt am Main, 1916).Christiane Goethe, Tagebuch 1816 und Briefe, hg. v. Sigrid Damm (Frankfurt am Main, Leipzig: Insel, 1999).

[27] Kurt R. Eissler, Goethe: Eine psychoanalytische Studie 1775–1786, hg. v. Rüdiger Scholz (u. a.), Bd. 2 (Frankfurt am Main: Stromfeld/Roter Stern, 1985),S. 1218. Bd. 1 erschien 1983, die Originalausgabe 1963: Goethe. A Psychoanalytical Study. 1775–1786 (Detroit: Wayne State University Press). „Bei genitalen Störungen, wie ich sie bei Goethe vermute, findet man häufig eine pathologische Objektrepräsentanz im Unbewußten, das an einem wesentlichen Defekt leidend vorgestellt wird; das Fehlen des Penis hat die Bedeutung einer Verstümmelung, und deshalb wird die Frau als verwundbar, zerbrechlich und verletzlich angesehen. Diese Vorstellung von der Frau, die sich zu Recht über ihre Verletzung beklagt, findet zugleich ihre Gegenspielerin in dem Bild der Frau, die sich für die erlittene Verletzung grausam zu rächen versucht. Die unbewußte Objektrepräsentanz enthält also schon an sich Züge, die in doppelter Hinsicht Angst beim Mann erregen. Er hat unbewußt Angst, daß er der Frau noch größere Verletzungen zufügen könnte, und er hat Angst, daß er durch sie Schaden erleidet.“

[28] Ibid., S. 1420–1421.

[29] Ibid., S. 1422.

[30] Damm (2001), S. 9; Gundolf (1916), S. 424.

[31] Eissler (1985), S. 1425, S. 1427, S. 1437.

[32] Ibid., S., 1438, S. 1505–1509.

[33] Ibid., S. 1441–1442.

[34] Vgl. Christian von Zimmermann, „Einleitung“, in Christian von Zimmermann, Hg., Fakten und Fiktionen: Strategien fiktionalbiographischer Dichterdarstellungen in Roman, Drama und Film seit 1970, Mannheimer Beiträge zur Sprach- und Literaturwissenschaft 48 (Tübingen: Narr, 2000), S. 1–13.

[35] Vgl. Wagner-Martin (1994); Paula R. Backscheider, Reflections on Biography (Oxford, New York: Oxford University Press, 2001), S. 127–162.

[36] Damm (2001), S. 10–11. Daß es sich hier um eine spezifisch weibliche Sicht auf ein Frauenleben handelt, verdeutlicht ein Vergleich mit Helmut Koopmanns Studie Goethe und Frau von Stein. Geschichte einer Liebe (München: Beck, 2002). Dort heißt es beispielsweise: Der Verlust der Briefe von Steins an Goethe sei zu verschmerzen, da sie „was sprachliche Qualität und die Intensität der Aussage angeht, allenfalls zweitrangig“ gewesen sein dürften (S. 278).

[37] Jürgen Haase, Hg., Die Braut. Das Buch zum Film um Goethe und Christiane Vulpius (Berlin: Parthas Verlag, 1999), S.32–33. Im realisierten Film endet die Szene mit Goethes letzter Antwort. Vgl. Egon Günther, Reg., Die Braut (Tellux-Film Dresden, 1999).

[38] (2001), S. 11.


Abstract

Both Shakespeare and Goethe were married to uneducated women who played no significant role in their professional lives as poets and whom they apparently did not always treat kindly. Biographers of these great men have been faced with the problem of how to give an account of the marriage that was ‘truthful’ and psychologically plausible, and nonetheless in accordance with ‘bourgois’ morals. There were two options: to describe the marriage somehow as ‘happy’, or to excuse the husband’s conduct with reference to the wife’s ‘ordinary’ nature. Whereas in the case of the Shakespeares a denigrating portrait of Anne as “whore” and “puritan” has prevailed, although she was a dark source of inspiration for the poet nevertheless, Goethe’s faithfulness to his female companion has been instrumentalised as further proof for his magnanimity and humanity, a view which could be supported by sufficient documentary evidence. It was left to a woman biographer to attempt a reconstruction of Christiane Vulpius’s life in her own right; and a fictional film creates a vivid representation of her relationship with Goethe, while the marriage of Anne Hathaway and William Shakespeare continues to remain intriguingly obscure.