Bardolatry

Shakespeare in Goldschnitt oder der Weg zum deutschen Bücherschrank

von Gesa Horstmann

Vorbemerkungen

Die Antwort auf die Frage, wie Shakespeares Weg in deutsche Bücherschränke mit dem Rahmenthema des wissenschaftlichen Seminars „Dichterkulte – Formen und Funktionen bürgerlicher Kunstreligion“ und dem Thema der Shakespeare-Tage 2004 „Goethe-Schiller-Shakespeare: Drei Weimarer Klassiker“ – zusammenhängt, liegt, zumindest für den Komparatisten, auf der Hand: durch die Übersetzung.

Shakespeare in Goldschnitt – anhand der Geschichte der deutschen Übersetzungen Shakespeares, speziell der deutschen Übertragungen seiner Sonette, soll die vorliegende Abhandlung die Apotheose des britischen Dichters zum deutschen Klassiker und Kultobjekt nachzeichnen. Daß die Shakespeareschen Sonette in diesem Kontext eine so zentrale Rolle spielen, mag zunächst überraschend erscheinen, galten diese doch seit ihrer romantischen Wiederentdeckung als höchst privates Zeugnis. Wordsworths Losungsworte: “With this key Shakespeare unlocked his heart” sind das Motto sowohl der englischen als auch der deutschen Rezeption dieser Sammlung und dies emphatische Verständnis der Shakespeareschen Gedichte als Herzensergüsse ist bis heute die prägende Lesart der Sammlung; selbst innerhalb der fachwissenschaftlichen Diskussion, die von Hause aus eigentlich nüchtern und objektivierend, auf den Sachverhalt zielend zu sein hat, sind Shakespeares Sonette bis in die heutige Zeit ein Refugium, eine Art literaturwissenschaftliches Rückzugsgebiet, in dem das persönliche Bekenntnis und das Spekulative einen Entfaltungsraum findet. Die Verortung im privaten, geradezu intimen Bereich scheint, vor allem aufgrund des für den Geschmack des 19. Jahrhunderts moralisch zweifelhaften Inhalts der Gedichte, wenig dazu angetan, die öffentlich-repräsentative Institutionalisierung zu befördern. Waren es nicht eher die von der Person des solchermaßen zwielichtig gewordenen Autors distanzierenden dramatischen Werke, die die Grundlage für die Vergöttlichung Shakespeares abgeben konnten? In England wie in Deutschland bieten die Shakespeareschen Sonette im philologischen, wissenschaftlichen Diskurs sehr viel mehr Widerstand auf dem Weg zur Stilisierung Shakespeares als Dichterikone, der im deutschen Sprachraum mäandernd führt über affirmatives Bekenntnis und ablehnende Vorbehalte gegenüber dem der Renaissance-Dichtung verpflichteten Stil der Sonette, über die zahlreichen Versuche, Shakespeare von den in diesen Gedichten vermeintlich dargestellten moralischen Verfehlungen freizusprechen, über eine Diskussion von lyrischen Konzeptionen, die zwischen historischem Sinn und emphatischem Verständnis von Erlebnislyrik schwanken. Ganz anders gelagert der Befund, den der Blick auf die Geschichte der deutschen Übersetzungen von Shakespeares Sonetten offenbart: in Deutschland vermag die institutionelle Monumentalisierung Shakespeares und seine Apotheose zum deutschen Klassiker einen entscheidenden Impuls aus den vermeintlichen Herzensergüssen, aus den Sonetten zu gewinnen, ein Phänomen, das ohne den entscheidenden Anteil, den die dichterische Überformung in Gestalt der Übersetzung daran leistet, nicht erklärbar wäre.

Romantische Übersetzung

Wer Shakespeare und Übersetzung in einem Atemzug sagt, der sollte wohl auch den berühmtesten deutschen Übersetzer Shakespeares zu Wort kommen lassen: August Wilhelm Schlegel. Und was sagt Schlegel zum deutschen Shakespeare? Im Dezember 1797 schreibt der 30jährige in einem Brief an den sechs Jahre jüngeren Ludwig Tieck:

Ich hoffe, Sie werden in Ihrer Schrift unter anderm beweisen, Shakespeare sey kein Engländer gewesen. Wie kam er nur unter die frostigen, stupiden Seelen auf dieser brutalen Insel? Freylich müssen sie damals noch mehr menschliches Gefühl und Dichtersinn gehabt haben, als jetzt.[1]

Schon ein Jahr zuvor hatte Schlegel in Schillers Horen die geistige Verwandtschaft zwischen Shakespeare und den Deutschen postuliert und damit auf ein Paradigma zurückgegriffen, das, von Lessing und dessen vielzitiertem, als Ouvertüre der deutschen Shakespeare-Rezeption gefeiertem 17. Literaturbrief ausgehend, die deutsche Shakespeare-Rezeption begleitet, um daraus die Rechtfertigung und Zielrichtung seiner Übertragung der Shakespeareschen Dramen abzuleiten. Die gegenüber dem moderaten Ton der früheren Ausführungen[2] ostentativ forcierte Schärfe der Polemik gründet zwar sicherlich auf den privaten Kontext der Aussage, dokumentiert darüber hinaus aber auch das übersetzerische Selbstbewußtsein, einen deutschen Shakespeare zuwege gebracht zu haben; unüberhörbar schwingt hier der noch ungebrochene Enthusiasmus mit, der das Projekt der übersetzerischen Großtat, den gesamten Shakespeare ins Deutsche zu übertragen, in den Anfängen begleitete.[3]

Der Kampf um Shakespeare, eröffnet durch Lessing, vor allem aber die Shakespeare-Apotheose des Sturm und Drang, hat mit Schlegels Shakespeare-Übersetzung einen entscheidenden Etappensieg errungen. Wie eine Bestätigung klingt das Urteil, das Novalis über Schlegels Übersetzung spricht, und dem literarischen Weggefährten ebenfalls 1797 brieflich übermittelt:

Übersetzen ist so gut dichten, als eigene Werke zustande zu bringen und schwerer, seltener. Am Ende ist alle Poesie Übersetzung. Ich bin überzeugt, daß der deutsche Shakespeare jetzt besser als der englische ist.[4]

Allerdings gilt es hier zu relativieren. Novalis’ Urteil zielt weniger auf eine Entscheidung der Frage, welcher Nation Shakespeare „ganz eigentümlich“ angehört, noch viel weniger gründet es auf der Annahme eines individuellen Sängerwettstreits; die Behauptung, daß der „deutsche Shakespeare jetzt besser als der englische“ sei, ist in erster Linie zu verstehen als Ausdruck des frühromantischen Übersetzungsbewußtseins, das die übersetzerische Tätigkeit vom Stigma des Zweitrangigen, der rein mechanischen Dolmetschertätigkeit, als die sie die Aufklärung definiert hatte, befreit, Übersetzung nicht nur als genuin künstlerische Tätigkeit definiert hatte, sondern sie darüber hinaus zur Gattung par excellence avancieren ließ. Was sich romantische Poesie im Sinne einer progressiven Universalpoesie erst vornehmen muß, nämlich die „poetische Reflexion […] immer wieder [zu] potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln [zu] vervielfachen“[5], das eignet der poetischen Übersetzung als Dichtung der Dichtung, als dichterische Neuformung des dichterisch bereits Gestalteten nach frühromantischem Verständnis von vornherein.

Im Kontext frühromantischer Übersetzungsdiskussion erscheint denn auch die literarische Übersetzung als die eigentliche nationale Berufung der Deutschen und dies nicht nur bei Novalis; sehr viel detaillierter und umfassender sind die theoretischen Ausführungen eines anderen Mitglieds des frühromantischen Athenaeum-Kreises: Friedrich Schleiermacher, dessen Grundlegung der Übersetzung in der geschichtsphilosophisch fundierten Utopie-Vorstellung mündet: „alle Schätze fremder Wissenschaft und Kunst mit seinen eignen zugleich in seiner Sprache gleichsam zu einem großen geschichtlichen Ganzen zu vereinigen, das im Mittelpunkt und Herzen von Europa verwahrt werde“[6].

Mit Novalis und Schlegel einerseits sowie Schleiermacher andererseits ist auch das Spannungsfeld benannt, in dem die poetische Übersetzungstätigkeit um 1800 trotz der Gemeinsamkeiten in der theoretischen Fundierung anzusiedeln ist. August Wilhelm Schlegel verdeutscht Shakespeare, seine Intention, keine Kopie sondern ein zweites Original zu erschaffen, nimmt ihren Ausgangspunkt in dem Bestreben, Shakespeare „gleichsam zu einem alten Deutschen zu machen“[7]; Schlegels Übersetzungsideal läßt sich mit den von Novalis geprägten Worten beschreiben: „Der wahre Übersetzer muß der Dichter des Dichters seyn“[8]. Schleiermacher dagegen plädiert für eine verfremdende Übersetzung, die ein hohes Maß an Sprachbewußtsein voraussetzt und dies mit der wohlkalkulierten Schockwirkung des betont Fremdartigen zu erweitern sucht; von daher ist seine Adressierung an den Kreis gelehrter Kenner und Liebhaber keine leere Formel, keine captatio benevolentiae, sondern bezeichnet die essentielle Verständnisgrundlage.

Keine andere deutsche Übertragung hat einen solch sakrosankten Status erreicht wie Schlegels Shakespeare, der sich den originären Dichtungen der deutschen Klassik, der sich den Werken Goethes und Schillers bruchlos an die Seite stellen ließ, der unabhängig von der Argumentationsrichtung stets als leuchtendes Beispiel der Vollkommenheit, als Ideal dessen, was Übersetzung zu leisten vermag, angeführt wurde. Aussicht auf Eingang in das Pantheon der Unsterblichkeit, auf klassischen Rang scheint nur dem beschieden zu sein, der im Sinne Schlegels verdeutscht. Dies offenbart ein Blick auf das Konkurrenz-Unternehmen zu Schlegels Shakespeare, auf die Übertragung eines anderen renommierten Übersetzers: Johann Heinrich Voß, von dessen Shakespeare-Übertragungen ein zeitgenössischer Kritiker behauptete, er schriebe Englisch mit deutschen Worten; seine Übersetzungsbemühungen um Shakespeare behaupten nur mühsam ihren Platz in der deutschen Geschichte der literarischen Übersetzung und dies eher als Anhängsel dessen, worauf Vossens Ruhm als Übersetzer gründet, seine Homer-Übertragungen.

Eindeutschende versus verfremdende Übersetzung – auch im Bereich der deutschen Übertragungen von Shakespeares Sonetten lassen sich diese gegensätzlichen Tendenzen ausmachen: Die erste 1820 erschienene Gesamtübersetzung von Karl Lachmann – eine philologische Übertragung, die alles Fremdartige der Vorlage beizubehalten sucht und aufgrund der zu diesem Zweck konstruierten eigentümlich verdichteten, spröde wirkenden, schwer verständlichen Sprache schon bei den Zeitgenossen auf Unverständnis stieß – auf der einen, auf der anderen Seite die Übertragung von Gottlob Regis aus dem Jahre 1836 – von den Kritikern viel gelobt aufgrund der Poetizität, bis in neuere Zeit immer wieder aufgelegt, unserem heutigen Verständnis nach den poetischen Übertragungsleistungen der Romantik zuzurechnen; den Zeitgenossen allerdings galt Regis vor allem als Gelehrter, als Philologe. Jenseits aller Dissonanz der Erscheinungen läßt sich für die romantische poetische Übersetzung festhalten: In der romantischen Übersetzungskonzeption begegnen sich auf einzigartige Weise poetisch-schöpferisches Potential und philologisches Erkenntnisbemühen, beides ist unmittelbar aufeinander bezogen, zur untrennbaren Einheit verbunden.

Beide Impulse bilden auch die Grundlage für Ludwig Tiecks Beschäftigung mit Shakespeare und speziell den Shakespeareschen Sonetten. Für die deutsche Rezeption der Gedichtsammlung so bedeutsam ist Tieck, weil in seinen Ausführungen zum ersten Mal im deutschen Sprachraum Shakespeares Sonette nicht nur in kleinen Nebenbemerkungen Erwähnung finden, sondern im größeren Zusammenhang die biographische Lesart dieser Gedichtsammlung vorgeführt wird. Zunächst in einer theoretischen Abhandlung, dem Penelope-Aufsatz „Ueber Shakespeares Sonette“ von 1826, dem Übersetzungsproben seiner Tochter beigefügt sind.[9] Während dort noch der philologische Diskurs im Vordergrund steht, gewinnt in Tiecks späterer Behandlung des Gegenstands, in seinen Shakespeare-Novellen, die dichterische Imagination die Oberhand. Und erst in der Geschlossenheit der dichterischen Fiktion, in der fiktiven Biographie, die getragen ist vor allem von dichterischer Begeisterung, ist der von Tieck in seinem Penelope-Aufsatz zunächst theoretisch abgetastete Sinnzusammenhang überzeugend und publikumswirksam einzulösen: Emphatisches Einfühlen und objektivierendes Verstehen gehen hier zusammen, um anhand der Sonette den Dichter und den Menschen Shakespeare, Zeitgeschichte, Welt und Individuum, Öffentliches und Privates gleichermaßen ins Recht zu setzten. Tieck liest Shakespeares Sonette als Erlebnislyrik Goethescher Provenienz, d.h. er projiziert ein zeitgenössisches, modernes Lyrikverständnis auf die Renaissance-Gedichte: Aufgeregt durch das Besondere der Gelegenheit, den Ausgangspunkt im Individuell-Erlebten nehmend und durch die künstlerische Gestaltung zum Allgemeinen objektiviert oder, um mit einem Goetheschen Lieblingswort zu reden, bedeutend werdend – darauf fußt die biographische Lesart, wie sie Tieck in seine theoretischen und poetischen Auslegungen der Shakespeareschen Sonette einschreibt.

Mit Tiecks aus der biographischen Lesart gewonnen ‚Bedeutsamkeit‘ der Shakespeareschen Sonette ist zwar dem Siegeszug der Shakespeareschen Gedichtsammlung in Deutschland die Bahn bereitet, aber dennoch, der Diskurs über Shakespeares Sonette geht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwar inhaltlich, in der positiven, begeisterten Einschätzung weit über die unter rationalistischen Vorzeichen begonnene Annäherung an die Shakespeareschen Sonette, die Eschenburg in seinem gelehrten Kompendium Ueber W. Shakespeare vorgelegt hatte, hinaus, bleibt aber auf den Kreis der gelehrten Kenner und Liebhaber beschränkt, den Schleiermacher in seiner Grundlegung der Übersetzung als Adressatenkreis anvisiert hatte.

Das Zeitalter der bürgerlichen Übersetzungen

Auch wenn unsere heutige Sicht auf die Geschichte der literarischen Übersetzung – die wie der Blick auf Literaturgeschichte überhaupt das Epigonale, das Restaurative gern übersieht und lieber nach dem Revolutionär-Innovativen Ausschau hält – die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst als eher ödes Feld auszuweisen scheint, so offenbaren die Zahlen etwas anderes: Das fruchtbarste Zeitalter der Übersetzung, was die Anzahl und Gegenstandsbreite der Übertragungen anbetrifft, ist die Zeit nach 1850, die Zeit der Klassiker-Bibliotheken, der Universal-Bibliotheken und wie diese zahlreichen Verlagsunternehmungen sonst immer heißen, die den Bedarf einer stetig anwachsenden, bürgerlichen Lesermasse bedienen. In möglichst museumshafter Ordnung und Vollständigkeit will man die Schätze der Weltliteratur einem breiten Lesepublikum zugänglich machen, das nun die Richtgröße der Übersetzung ausmacht. Allein der Hang zur Vollständigkeit könnte schon einen ersten Erklärungsansatz bieten für die Vielzahl gerade der Übertragungen von Shakespeares Sonetten, die in diesen Jahrzehnten erscheinen. Hinzu tritt als entscheidender Faktor, daß die Zeit nach 1850 zugleich die Ära der Lyrik ist. Erst beides zusammen bildet einen ausreichenden Erklärungshorizont, der sich bewegt zwischen öffentlich-repräsentativen, kanonisierenden Bestrebungen einerseits und dem angewachsenen und anwachsenden Bedürfnis nach privatem, oft weiblichem Lesevergnügen. Die so verschieden gelagerten Ausrichtungen finden nirgends besser zueinander als in den deutschen Übertragungen der Shakespeareschen Sonette, was sich nicht zuletzt in den unterschiedlichen Erzeugnissen des zeitgenössischen Verlagswesens dokumentiert: Shakespeares Werke erscheinen vollständig, inklusive der Sonette, in neuen Übersetzungen, in repräsentativ-dekorativen, oft prachtvollen, großformatigen Ausgaben für den bürgerlichen Bücherschrank; die Shakespeareschen Sonette erleben daneben zahlreiche Einzelausgaben in ansprechender kleinformatiger Gestaltung, dediziert in zarte Frauenhand – und beides in Goldschnitt.

Hatte die romantische Übersetzung ihren Impuls gewonnen aus der Einsicht in das Defizitäre der deutschen Sprache und Dichtung, die Sinngebung der Übersetzung, analog der Grundlegung romantischer Universalpoesie im Werdenden[10], in ihrem sprachbewegenden Moment verortet, so lautet das Gebot der Stunde nun: Konservieren und Bewahren. Nicht mehr sprachbildend will die Übersetzung sein; man übersetzt in die durch Goethe und Schiller und durch die Romantiker-Generation geformte Sprache, die es zu bewahren, nicht aber zu verbessern gilt. Im Gegensatz zur Übersetzungskonzeption der romantischen Bewegung, die auf der Vorstellung einer organischen Einheit von Sinngehalt und sprachlich formaler Gestaltung, von Gedanke und Ausdruck im Kunstwerk gründet, trennt man nun in äußere Form und poetischen Inhalt, in einen, wie es im Falle von Shakespeares Sonetten heißt, reinen Kern und eine Schale, die „nicht überall anmuthen“[11] will, und legitimiert von daher eine verändernde Übersetzung. Diese poetisierend-verschönernde Übersetzung, die den poetischen Genuß, den zeitgenössischen Geschmack als absoluten Maßstab und Richtgröße setzt, eliminiert alles ästhetisch und moralisch Inkommensurable[12], ersetzt alles Fremdartige durch Bekanntes, transponiert das fremdsprachliche und fremde Original in die eigene Dichtungssprache und gemäß der eigenen Dichtungskonzeption.

Der wohl bedeutendste Repräsentanten dieser Ära des Übersetzens ist Friedrich Bodenstedt, seine Übertragung der Shakespeareschen Sonette die erfolgreichste und auflagenstärkste deutsche Version dieser Gedichtsammlung im deutschen Sprachraum. Keiner hat wie er aus Shakespeares Sonetten deutsche Gedichte gemacht und damit den Nerv seiner Zeit getroffen: Bodenstedt – selbst ein Kultobjekt, viel gerühmter poetischer Übersetzer und Liebling der Gesellschaft, insbesondere der Damenwelt, Professor für Anglistik, Gründungsmitglied der deutschen Shakespeare-Gesellschaft und Protegé des bayrischen Königs Maximilian II. – beherrschte öffentlichen und privaten Raum gleichermaßen, und niemand vermochte so überzeugend und so elegant wie er, sowohl das literarische Urteil der gelehrten Herren als auch das sittliche, ästhetische Empfinden der geschmackvollen Damen für sich und auf sich zu vereinen.

Über die ästhetischen und moralischen Vorbehalte gegenüber den Shakespeareschen Sonetten hinweg, an denen sich die Shakespeare-Philologie auch in Deutschland abarbeiten muß, läßt sich mit Hilfe der verändernden, poetisierenden Übersetzung ein makelloses Bild des Menschen und des Dichters Shakespeare entwerfen: Mensch und Dichter, beides kann damit der Stilisierung zur Dichterikone zugeführt werden. Die Übersetzung weist sich solchermaßen als die literarische Form des Shakespeare-Kultes in Deutschland aus. Die öffentliche Institutionalisierung Shakespeares in Deutschland ist denn auch aufs engste verknüpft mit der Geschichte der deutschen Übertragungen von Shakespeares Sonetten: Bodenstedt dediziert seine 1862 erschienene Übertragung Nicolaus Delius, einem der Wegbereiter der deutschen Shakespeare-Philologie; beide sind Gründungsmitglieder der deutschen Shakespeare-Gesellschaft und der erste Band, den diese 1865 als Gründungsakte publiziert, eröffnet mit einem Beitrag von Nicolaus Delius, der den Diskurs über Shakespeares Sonette als zentralen Gegenstand einführt: „Ueber Shakespeare’s Sonette. Ein Sendschreiben an Friedrich Bodenstedt“[13]. Der Zusammenhang von literarischer, philologischer Institutionalisierung und nationaler Identitätsstiftung ist im Falle der deutschen Übertragungen von Shakespeares Sonetten evident: in der Zeit zwischen der Gründung der Shakespeare-Gesellschaft 1864 – der ältesten literarischen Gesellschaft in Deutschland – und der Reichsgründung 1871 erscheinen sieben Gesamtübersetzungen der Shakespeareschen Sonette, mehr als jemals zuvor oder nachher. Arbeit am Mythos Shakespeare ist Arbeit für die Nation und diese Arbeit ist eine übersetzerische.

Aller Trübsinn, mit dem zu Beginn des Jahrhunderts auf das Defizitäre der sprachlichen, dichterischen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung Deutschlands geschaut wurde, weicht einem erstarkenden nationalen Selbstbewußtsein. Der Kampf um Shakespeare hat mit der poetisierenden verändernden Übersetzung, die Shakespeares moralisch zweifelhafte Sonette in geschmackvolle deutsche Gedichte verwandelt, im Zeitalter der Klassikerbibliotheken das Ziel erreicht, den ganzen Shakespeare, den Mensch und den Dichter, den Dramatiker und den Lyriker, ganz sein eigen nennen zu dürfen, Shakespeares Werke in schönsten Goldschnittausgaben neben die Ausgaben von Schiller und Goethe in den Bücherschrank als geistiges Besitztum einzureihen. Im Falle der Shakespeareschen Sonette erweist sich das Bonmot, das die Deutschen gegenüber den Engländern als glückliche Nation preist, da sie sich jedes Jahr einen neuen Shakespeare schreiben können, stärker wirksam als im Falle der Shakespeareschen Dramen: Über Deutschland scheint in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die englische Dichtersonne Shakespeare in makellosem Glanze, während in England verzweifelt versucht wird, das durch Sonnenflecken verunzierte Bild zu retouchieren.

Neuansätze am Anfang des 20. Jahrhunderts

1908 bezeichnet Rudolf Borchardt diese Ära der poetisierenden, bürgerlichen Übersetzung in seinem Aufsatz „Dante und deutscher Dante“ als „Bankrott der Sprache und des Stils“, als „die rosenrothe Zeit, in der man alles konnte, wo alles leicht war und es zwar noch Schwierigkeiten gab, aber keinen mehr, der sie fühlte“.[14][15]; ein übersetzerisches Verfahren, das sich den modernen Produktionsbedingungen des Industriezeitalters angepaßt hat. Wollte man Herders Ausspruch in dessen Fragmenten über die neuere deutsche Literatur folgen und fragen: „Wo ist der Übersetzer, der zugleich Philosoph, Dichter und Philologe ist; er soll der Morgenstern einer neuen Epoche in unsrer Litteratur seyn“, so ist das Resultat dessen, was von den bei Herder implizierten Anforderungen an den Übersetzer gut hundert Jahre später übrigbleibt, überaus ernüchternd: Der Übersetzer ist nicht mehr Philologe, erst recht kein Philosoph und ein Dichter nur noch in dem Sinne, daß er eine Rohübersetzung in ansprechende deutsche Verse zu setzen vermag. Das Problem des Übersetzens, das Schlegel als eine Aufgabe begriffen hatte, die „ins Unendliche hin nur durch Annäherung gelöst werden kann“[16], scheint nun ein grundsätzlich lösbares; die Kunst des Übersetzens reduziert sich auf das Verseschmieden. Der – nach moderner Auffassung – Tiefstand des Übersetzungsbewußtseins, er ist erst hier erreicht; das übersieht auch gerne die Forschungsliteratur zur Geschichte der literarischen Übersetzung in Deutschland. So abschätzig man auch die Übertragung von Bodenstedt beurteilen mag: seiner Auseinandersetzung mit Shakespeare kann das ernsthafte und ernstzunehmende seines philologischen Erkenntnisinteresses nicht abgesprochen werden, das neben den umfangreichen Kommentaren zu seinen Shakespeare-Übersetzungen auch in zahlreichen wissenschaftlichen Abhandlungen seinen Niederschlag fand. Bei der Bodenstedt nachfolgenden Übersetzergeneration findet die radikale und endgültige Trennung von Philologie und Übersetzungstätigkeit statt. Erst vor diesem übersetzungsgeschichtlichen Hintergrund ist die Vehemenz und Polemik der radikalen Abkehr zu begreifen, die die Ausgangsposition der übersetzerischen Avantgarde um 1900 markiert. Wie hundert Jahre zuvor wird um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – durch Hofmannsthal, Rilke, Borchardt, George und andere – der Weg aus der Sprachkrise, die Erneuerung der Dichtung gesucht durch das Medium der Übersetzung, die damit das sprachbewegende und dichtungserneuernde Moment zurückgewinnt, das die frühromantische Bewegung ihr zugewiesen hatte.

Ein Neubeginn in der Geschichte der deutschen Übersetzungen von Shakespeares Sonetten ist ohne Zweifel die 1909 erschienene Umdichtung von Stefan George. Über keine deutsche Version von Shakespeares Sonetten ist so viel geschrieben und so viel gestritten worden wie über Georges Übertragung. Dabei gehen die Argumentationen jenseits der Spaltung in begeistertes Lob oder vernichtende Ablehnung in diametral verschiedene Richtungen: Während die eine Seite der Kritiker postuliert, niemand habe Shakespeares Sonette so genau, so wortgetreu übersetzt wie Stefan George, behauptet die andere Seite, daß niemand so wie George die Shakespeareschen Sonette der eigenen Dichtungskonzeption einverleibt habe. Ein kompliziertes Wechselspiel von Eigenem und Fremden schreibt sich offensichtlich in Georges Übertragung ein. Eigenes und Fremdes auf eine überschwengliche Weise vereint? – so möchte man fragen in Abwandlung des Titels: „Das Alte und das Neue auf eine überschwengliche Weise verbunden“, unter dem der Eröffnungsvortrag der Shakespeare-Tage 2004 in Weimar von Raimund Borgmeier stand, in dem nachgezeichnet wurde, inwiefern aus Schillers zunächst historisch fundierten Kategorien von naiver und sentimentalischer Dichtung eine ahistorische Parallelisierung von Goethe und Shakespeare erwächst als Ausnahmeerscheinungen der Literaturgeschichte, in deren Werk Naives und Sentimentalisches, Altes und Modernes zueinander findet. Ähnliches wird in den Explikationen des George-Kreises unternommen, insbesondere durch Friedrich Gundolf und seine an Schillers Kategorien orientierte literaturgeschichtliche Einteilung in romantische und unromantische Dichtung. Shakespeare und George, beide sind für Gundolf unromantische Dichter in dem Sinne, daß in deren Dichtung die unmittelbaren seelischen Wirklichkeiten und nicht deren Projektionen, deren Spiegelungen Gestalt annehmen[17]. Nicht zuletzt mit Hilfe der von Gundolf propagierten ahistorischen geistigen Dichterverwandtschaft gelingt dem George-Kreis eine Neuinszenierung des Dichterkultes, dem in der radikalen, ostentativ vollzogenen Abkehr vom „Bildungspöbel“ gehuldigt wird. Das publikumswirksame dieser exklusiven, selbststilisierenden Apotheose haben viele erkannt und so bemerkt auch der junge Brecht 1928 über die Dichterikone Stefan George despektierlich: „Die Säule, die sich dieser Heilige ausgesucht hat, sie steht an einer zu volkreichen Stelle, sie bietet einen zu malerischen Anblick […]“[18]. So paradox dies zunächst scheinen mag, die Heiligenverehrung, die der Kreis um und mit Stefan George zelebriert, erweist sich als legitimes Erbe der so vehement bekämpften bürgerlichen Dichterreligion und in gewisser Hinsicht gelangt der Dichterkult, die Annäherung von Religiösem und Literarischem zu einem neuen Höhepunkt, in dem jetzt gleichermaßen Verbindlichkeit wie Exklusivität, Teilhabe wie Distinktion verbürgt sind. Ein letztes Mal erscheinen Shakespeares Werke und Shakespeares Sonette in Goldschnitt, in aufwendig buchkünstlerisch gestalteten Ausgaben mit doppelter Zielrichtung: gegen die bürgerlich-repräsentativen, historisierenden Prachtausgaben und gegen die Massenware der Volksausgaben.

Wer die Götter vom Olymp stürzt und dem Dichterkult den Garaus zu machen sucht, das ist der Ikonoklast Karl Kraus, der wohl schwierigste Übersetzer der Shakespeare-Sonette. Der oft beschworene, als Befreiung gefeierte Tod des Autors, bei Karl Kraus findet er statt, lange bevor die Literaturwissenschaft zur öffentlichen Hinrichtung schreitet. Der Kampf um Shakespeare, um den es, wie der Titel seines Rachefeldzuges gegen Stefan George: „Sakrileg an George oder Sühne an Shakespeare?“ vermuten läßt, vermeintlich noch zu gehen scheint, offenbart sich der genaueren Lektüre und vor allem angesichts seiner eigenen Nachdichtung als ein Kampf um die Sprache, als Kampf gegen die Veräußerlichung der Sprache, gegen verblaßte poetische Klischees und sinnentleerte Phrasen einerseits und gegen Stefan George andererseits, den Gundolf als „Erneuerer der Dichtungssprache“ gefeiert hatte[19]. Kraus wird nicht müde, Georges herrschaftliches Verhältnis zur Sprache anzuprangern, das die Sprache in der Form zu bezwingen sucht. George, von Gundolf gepriesen als „Seher und Sager der weltwirkenden Kräfte im lauteren, strengen und schweren Wort“[20], wird von Kraus abschätzig als Verwörtlicher bezeichnet; gegen Georges eigentümliche Wortprägungen – die für Karl Kraus, der einen wirklichen und zugleich mystischen Zusammenhang zwischen Wort und Ding annimmt, im Treibhaus gezüchtete künstliche Blüten sind, die den Bezug zum Ursprung verloren haben und deswegen lediglich sinnentleerte Ornamente bleiben – zieht er ebenso unerbittlich wie konsequent zu Felde im Namen der Sprache, um Georges „Doppelfrevel an Shakespeare und der deutschen Sprache“[21] offen zu legen. Eine umfassende Revision der vornehmlich von Unverständnis geprägten literaturwissenschaftlichen Einschätzung des Krausschen Verfahrens „Vom Deutschen ins Deutsche zu übersetzen“[22] steht noch aus; festzuhalten bleibt, daß seine Nachdichtung eine eigentümliche Zwitterstellung bekleidet: gegenüber der Umdichtung Georges ist die Übertragung von Karl Kraus zugleich in der Sprachhaltung, in dem zugrunde liegenden Sprachideal, das in den Dichtungen von Mathias Claudius und Goethe seinen reinsten Ausdruck findet, rückwärtsgewandter wie in dem vehementen Beharren auf dem Eigenleben der Sprachen moderner als die Version von Stefan George.

Shakespeare und kein Ende oder Totgesagte leben länger

Schaut man in die jüngste Publikation zum Thema Shakespeares Sonette in Deutschland, in der Jürgen Gutsch „154+1“ deutsche Übertragungen des berühmten 18. Sonetts von Eschenburg bis in die Gegenwart zusammengetragen hat,[23] und fragt im Anschluß an Schleiermacher nach dem Sinn des Übersetzens im großen, so ließe sich der Weg der deutschen Aneignung von Shakespeares Sonetten in folgenden Stationen nachzeichnen: Dieser Shakespeare gehört uns – diese apodiktische Aussage könnte als Motto die Phase der Einbürgerung Shakespeares durch die romantische Bewegung und die Apotheose zum deutschen Klassiker und Kultobjekt im bürgerlichen Zeitalter überschreiben; dieser Shakespeare gehört nur uns – ließe sich für die im elitären Zirkel zelebrierte Heiligenverehrung des George Kreises formulieren. Was ist aber mit der schier unübersehbaren Masse der Übertragung des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts? Eine Zusammenschau fällt hier zunächst schwer. So verschieden die Übertragungen der romantischen Übersetzungsepoche, des späteren 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts im einzelnen auch sein mögen, so ist hinter der Dissonanz der Einzelerscheinungen immer ein dichtungs- und übersetzungstheoretischer Hintergrund erkennbar; die Übertragungen nach 1945 dagegen scheinen als individuelle Leistungen, die sich kaum mehr nach übergeordneten Dichtungsauffassungen oder nach einem wie auch immer gearteten gemeinsamen Übersetzungsbewußtsein befragen lassen, unverbunden, wie erratische Blöcke, nebeneinander zu stehen. Aber eine signifikante Formel, die eine sowohl interne als auch externe Verbindung herzustellen ermöglicht, läßt sich als gemeinsamer Fluchtpunkt der Fülle des Disparaten ausmachen: dieserShakespeare gehört mir. Jenseits von der öffentlichen Demontage des Dichterkults und unberührt von der wissenschaftlichen Dekonstruktion des Autors feiert im Gefilde der literarischen Übersetzung von Shakespeares Sonetten der private Dichterkult fröhliche Urstände. Die verdienstvolle Zusammenstellung von Jürgen Gutsch offenbart, daß eine Vielzahl der modernen Übertragungen in gewissem Sinne Liebhaberübersetzungen sind, getragen von individueller Motivation und persönlicher Begeisterung für den Gegenstand, die sich vereinigen in dem Bestreben, sich die Stimme des englischen Dichters anzueignen und ihm letztendlich damit selbst Stimme verleihen, so daß man in Abwandlung des Schlußcouplets nach beendetem Studium, nach dem unterhaltsamen Lektüre-Gang durch die Geschichte der literarischen Übersetzung von Shakespeares Sonetten in Deutschland, den Dichter selbst vermeint sagen zu hören:

So long as man can breathe or eyes can see
So long lives this, and this gives live to me

Shakespeares Sonette und kein Ende: Der Autor ist tot, es lebe der Autor – in Shakespeares Sonetten und deren deutschen Übersetzungen, so lautet das prognostizierende Fazit, scheint ihm und dem ihn zelebrierenden Dichterkult die Unsterblichkeit garantiert.

 


Anmerkungen

[1] Ludwig Tieck und die Gebrüder Schlegel, Briefe, hg. v. Edgar Lohner (München 1972), S. 23.

[2] „Man darf kühnlich behaupten, daß er nächst den Engländern keinem Volke so eigentümlich angehört wie den Deutschen, weil er von keinem im Original und in der Kopie so viel gelesen, so tief studiert, so warm geliebt, und so einsichtsvoll bewundert wird. [...] er ist uns nicht fremd: wir brauchen keinen Schritt aus unserm Charakter herauszugehen, um ihn ‚ganz unser‘ nennen zu dürfen.“ August Wilhelm von Schlegel, Etwas über William Shakespeare bei Gelegenheit Wilhelm Meisters, in August Wilhelm Schlegel, Sämtliche Werke, hg. v. Eduard Böcking (reprographischer Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1846/47, Hildesheim und New York 1971), Bd. 7, S. 38.

[3] 1796/97 erschienen die ersten Übersetzungsproben in den Horen, Ostern 1797 der erste Band der Schlegelschen Shakespeare-Übersetzung, der den Sommernachtstraum und Romeo und Julia enthält; bis 1801 entstehen sieben weitere Bände, danach ruht das Unternehmen für 9 Jahre; 1810 erscheint der neunte und letzte Band nach dessen Veröffentlichung das übersetzerische Unternehmen in die Hände Ludwig Tiecks übergeht.

[4] Der Brief ist datiert vom November 1797, also entstanden einen Monat vor dem eingangs zitierten Brief Schlegels an Ludwig Tieck. Novalis, Schriften, die Werke Friedrich von Hardenbergs, hg. v. Paul Kluckhohn und Richard Samuel, Bd. 4, Tagebücher, Briefwechsel, zeitgenössische Zeugnisse (Stuttgart 1975), S. 237.

[5] Die Definition Friedrich Schlegels zur progressiven Universalpoesie findet sich in dem vielbesprochenen 116. Athenaeumsfragment. Athenaeum, eine Zeitschrift, hg. v. August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel, 1. Bd., 2. Stück (reprographischer Nachdruck der Ausgabe Berlin 17981800, Darmstadt 1983), S. 205.

[6] Friedrich Schleiermacher, „Ueber die verschiedenen Probleme des Uebersezens“, in Friedrich Schleiermacher, Sämmtliche Werke, 3. Abt., Zur Philosophie, Bd. 2 (Berlin 1838), S. 243–244.

[7] Schlegel, Werke, Bd. 7, S. 63.

[8] Athenaeum 1, 1. Stück, S. 88.

[9] Ludwig Tieck, „Ueber Shakespeares Sonette einige Worte, nebst Proben einer Uebersetzung derselben“, in Penelope, Taschenbuch für das Jahr 1826, hg. v. Theodor Hell, 15. Jahrgang (Leipzig 1826), S. 314–339.

[10] „Die romantische Dichtart ist noch im Werden, ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet seyn kann.“ Friedrich Schlegel in Athenaeum, 1. Bd., 2. Stück, S. 205.

[11] Friedrich Bodenstedt in William Shakespeare, William Shakespeare’s Sonette in deutscher Nachbildung, übers. v. Friedrich Bodenstedt, 2. Aufl. (Berlin, 1866), S. 202.

[12] Über die moralischen Vorbehalte gegenüber Shakespeares Sonetten handelte der Beitrag von Heike Grundmann „Voyeurismus und Verdrängung, zur Rezeption von Shakespeares Sonetten“. Englische und deutsche Rezeption der Gedichtsammlung zeigen hier evidente Übereinstimmungen. Die ästhetischen Vorbehalte gegenüber den Shakespeareschen Sonetten sind in Deutschland allerdings noch weitaus länger zu vermerken und wirkungsmächtiger zu vernehmen; so etwa von dem prominenten Literaturgeschichtsschreiber Georg Gottfried Gervinus in dessen mehrbändigem Shakespeare-Buch von 1848. Gervinus’ Urteil über Shakespeares Sonette, sein Ressentiment gegenüber dem ästhetischen Wert der Gedichte, weist deutliche Parallelen auf zu den Vorbehalten gegenüber der Sonettform im allgemeinen und den Shakespeareschen Gedichten im besonderen, wie sie Johann Joachim Eschenburg im Anschluß an die englische Shakespeare-Philologie in seinem Kompendium Ueber W. Shakespeare ein halbes Jahrhundert zuvor verkündet hatte.

[13] Nicolaus Delius, „Ueber Shakespeare’s Sonette. Ein Sendschreiben an Friedrich Bodenstedt“, in Shakespeare-Jahrbuch 1 (1865), S. 18–56.

[14] Rudolf Borchardt, Gesammelte Werke, Bd. 2, Prosa II (Stuttgart 1959), S. 355.

[15] Shakespeares Sonette. Erläutert von Alois Brandl, übersetzt von Ludwig Fulda (Stuttgart, Berlin 1913), Einleitung, S. LV. Ebenso aufschlußreich wie signifikant für diese Ära des Übersetzens ist Ludwig Fuldas übersetzungstheoretische Abhandlung „Die Kunst des Übersetzers“ in Veröffentlichungen der Preußischen Akademie der Künste, Jahrbuch Sektion Dichtkunst (1929), S. 263–286.

[16] Athenaeum 3, 2. Stück, S. 334.

[17] Vgl. Friedrich Gundolf, „Shakespeares Sonette“, in Die Zukunft 18, Heft 41 (1910), S. 65–68.

[18] Bertolt Brecht, Werke, Berliner und Frankfurter Ausgabe, hg. v. Werner Hecht, Jan Knopf (u. a.), Band 21, Schriften I. 1914–1933, (Berlin u. a., 1992), S. 247. Vgl. dazu den ebenso polemischen wie amüsanten Anfang von Karl Kraus’ Aufsatz Sakrileg an George oder Sühne an Shakespeare, in Karl Kraus, Shakespeares Sonette. Nachdichtung von Karl Kraus (München, 1964), S. 321–322.

[19] Friedrich Gundolf, Dante, in Gundolf, Beiträge zur Literatur und Geistesgeschichte, hg. v. Viktor A. Schmitz und Fritz Martini (Heidelberg, 1980), S. 202. Vgl. auch Gundolf, Stefan George in unserer Zeit (Heidelberg, 1913) und Gundolf, George (Berlin, 1920).

[20] Ibid.

[21] Kraus (1964), ibid., S. 323.

[22] Vgl. dazu die gleichlautende Abhandlung von Hendirk Birus, „Vom Deutschen ins Deutsche übersetzen. Überlegungen zu Karl Kraus’ Lyrik-Übersetzungen“, in Geschichte, System, literarische Übersetzung, hg. v. Harald Kittel (Berlin, 1992), S. 173–211.

[23] Jürgen Gutsch, Hg., „… lesen, wie krass schön du bist konkret“. William Shakespeare, „Sonett 18“ vermittelt durch deutsche Übersetzer in 154+1 Versionen (Dozwil: Edition Signathur, 2003).

 


Abstract

Shakespeare – a German classic? The singular historical example in the German-speaking world of the relation between literary philological institutionalising and public monumentalising on the one hand and establishing of national identity on the other hand gains – in case of the classification of Shakespeare as an icon in the literary world and a national unifying figure – a certain impetus, which originates from the supposedly intimate and private embosoming of this English poet, i. e. from the sonnets. This impetus, which may at first seem surprising, becomes significant when the history of literary translation is taken into account. On the basis of German Shakespeare translations – particularly by means of the translations of Shakespeare’s sonnets – this essay aims to trace the emergence of the English poet as a German classic and object of worship and to place it in the context of literary history.