Articles from the Shakespeare-Jahrbuch 136 (2000)

Berichte

"Shakespeare in Love in love with Shakespeare ?"

Bericht zur "Kleinen Herbsttagung" der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft am 19.und 20. November 1999 in Bochum

Unter "Shakespeare zum Ende des Milleniums" lud die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft letztmalig in diesem Jahrtausend ihre Mitglieder zu einer Tagung ein. Hierbei wurde die Tradition der Herbsttagungen nun auch in Bochum fortgesetzt und dahingehend modifiziert, dass man versucht, einzelne thematische Aspekte der dann folgenden Frühjahrstagung hervorzuheben. Dieses Angebot nahmen erfreulich viele Mitglieder und Freunde der Gesellschaft an. Im Mittelpunkt stand dabei unter dem Gesichtspunkt der "Shakespeare Adaptionen" vor allem der Oscar-gekrönte Film "Shakespeare in Love". Mit selbigem fand die Herbsttagung '99 sogar ihren ungewöhnlichen Auftakt: auf Initiative von Vorstandsmitglied Frau Dr.Canaris und unter Mitarbeit von Frau Silke Meyer und dem Kulturamt der Stadt Bochum wurden die Leistungskurse Englisch zu einer Vorführung des Filmes eingeladen. Das Angebot fand eine große Resonanz, so dass am Ende mehr als 200 SchülerInnen sowohl mit einigen Vorstandsmitgliedern über den Film diskutierten, als auch auf diesem Wege erstmals die Shakespeare-Gesellschaft überhaupt kennenlernten.

Peter Hollands (Shakespeare Institute, Stratford) anschaulicher Vortrag "Shakespeare's Tempest an introduction" eröffnete interessante Perspektiven auf genau das Stück, welches dann am Abend in einer Inszenierung des Bochumer Schauspielhauses (Regie: Jürgen Kruse) zur Premiere kam. Die Chronologie der Berichterstattung brechend, kann bereits an dieser Stelle konstatiert werden, dass in der Samstags-Diskussion (Leitung: Maik Hamburger) mit dem Dramaturgen Michael Pehlke der neueste Shakespeare in Bochum für doch recht kontroverse Meinungsäußerungen sorgte. Hauptkritikpunkte waren dabei eine gewisse Zerfahrenheit der Inszenierung, bei der man trotz der Länge das Gefühl hatte, dass die eigentliche Handlung zu kurz kam. Der enorme - zum Teil artistische - Einsatz der SchauspielerInnen und das phantastische Bühnenbild wurden dagegen als 'Plus' der Aufführung hervorgehoben.

Die Vorträge von Russell Jackson (Stratford) und Enno Ruge (Heidelberg) galten im weiteren Verlauf des Samstages zwei ganz verschiedenen Formen der Shakespeare-Rezeption: Jackson, mittlerweile gefragter Ratgeber bei diversen 'Shakespeare-Filmproduktionen', ging in seinem sehr anschaulichen Referat "Shakespeare in Love and in Showbusiness" zunächst auf die vielen bewußt gesetzten Anachronismen in John Maddens Film ein und stellte dar, wie sich dieser der typischen Hollywood-'Ästhetik' sowohl unterwirft, als auch selbige gelegentlich unterläuft. Dabei lieferte Russell Jackson gleich noch zwei filmische Extras: zum einen die Version eines nicht ganz so gefühlsträchtigen alternativen Schlusses für "Shakespeare in Love" und den Trailer zu "Love Labour's Lost", in dem Kenneth Branagh offensichtlich die Golden Twenties auferstehen lassen wird.

Enno Ruge befaßte sich dagegen mit dem eher traditionellen Medium der Shakespeare-Aneignung, dem Roman. In "Gott oder Teufel? Zwei Versionen von Shakespeares Leben aus der Feder von Robert Nye" arbeitete Ruge zunächst die unterschiedlichen Ansätze vor allem fiktiver Texte, die sich mit Shakespeares Leben befassen, heraus. Anschließend stellte er Robert Nyes Romane "Mrs Shakespeare. The Complete Works" (1993) und "The Late Mr Shakespeare" (1998) als Beispiele einer Art postmodernen Spiels mit verschiedenen "Shakespeare Images" vor, wobei Shakespeare jedoch trotz aller Enthüllungen ein schwer faßbares Phantom bliebe.

Paul Franssen (Utrecht) widmete seinen - nicht zuletzt äußerst unterhaltsamen - Vortrag der Liebe zu den Spekulationen um den verliebten Shakespeare: "In Love with Shakespeare in Love, 1804-1999", dem sich dann nahezu folgerichtig als Ausklang der Herbsttagung die englische Originalfassung von "Shakespeare in Love" anschloss.

Dr. Roland Petersohn, Jena