Articles from the Shakespeare-Jahrbuch 133 (1997)

S. 180-190:

Aus der Geschichte der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft

"So klug wie gütig, so gerecht wie mild": Zum 100. Todestag der ersten Protektorin der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar, Königliche Prinzessin der Niederlande."

Von Christa Jansohn

Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar (1824-1897)
Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar (1824-1897)

Als am 23. März 1897 Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar, Königliche Prinzessin der Niederlande, im Alter von 73 Jahren verschied, bedeutete der Tod dieser klugen Beschützerin der Wissenschaft, Literatur und Kunst sowie der unermüdlichen Förderin sozialer Einrichtungen nicht nur einen herben Verlust für die Stadt Weimar und Umgebung; auch für viele der von ihr unterstützten überregionalen Institutionen stellte ihr Ableben eine markante Zäsur dar: Wie immer sich die Zukunft der Shakespeare-Gesellschaft gestalten werde, meinte Paul von Bojanowski, "die ersten dreiunddreißig Jahre ihrer Thätigkeit haben durch die aufmerksame Theilnahme und anregende Förderung, die unsere unvergeßliche Protektorin den Bestrebungen der Gesellschaft gewährte, ihren besonderen Stempel erhalten. Der Name der Großherzogin Sophie ist in den Annalen der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft mit goldenen Buchstaben eingetragen." (ShJb, 34, 1898, S. 8)

Ähnliches haben auch die Vertreter anderer von der Großherzogin geförderter Einrichtungen - etwa der Goethe-Gesellschaft, des Goethe-Schiller-Archivs, des Sophienstifts - gesagt, aber keiner hat das Wesen dieser Hohen Frau in so bewegende Worte geformt wie der Dichter Paul Heyse, dessen Verse einen Monat nach ihrem Tod in der Weimarischen Zeitung (24. April 1897) veröffentlicht wurden. Hinter dem schlichten Titel "Großherzogin Sophie von Sachsen" ruht folgendes facettenreiches Charakterbild:

Doch schwand sie auch für immer unserm Blick,
Bewegten Herzens preis' ich das Geschick,

Das in der Fürstentochter offenbart,
Hoheit mit reinstem Frauenwert gepaart,

ein segensreich erhabnes Menschenbild,
So klug wie gütig, so gerecht wie mild.

Andere, etwa Thomas Carlyle, nannten die Großherzogin ebenfalls eine "gescheite und ausgezeichnete Dame", und Eleonore von Bojanowski ist gar versucht, die anmutige Portia als eine Blutsverwandte der Fürstin zu sehen, da diese die gleichen Eigenschaften habe wie die Protagonistin aus dem Kaufmann von Venedig, die "mit männlichem Geist den entscheidenden Urteilsspruch fällt, ohne etwas von ihrer edlen Weiblichkeit einzubüßen" (ShJb, 59/60, 1924, S.2). Einen anderen Wesenszug Sophies hebt Friedrich Hebbel hervor. Für ihn war die Großherzogin "nicht bloss eine edle, sondern auch eine tiefe Frau ... Man kann geradezu alles mit ihr sprechen." (zitiert nach Schmidt, S. iv).

Auf offene Ohren stießen auch die Gründungsväter der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, namentlich Wilhelm Oechelhäuser, der mit seiner Gedenkschrift Ideen zur Gründung einer Deutschen Shakespeare-Gesellschaft 1863 an die Öffentlichkeit trat (Wiederabdruck ShJb, 58, 1922, S. 29-38) und vor allem den damaligen General-Intendanten Franz Dingelstedt für seine Arbeit gewinnen wollte. Dieser reagierte zunächst zurückhaltend. Da wurde die Großherzogin auf Oechelhäusers Vorhaben aufmerksam gemacht, vermutlich durch ihren irischen Privatsekretär und früheren Lehrer James Marshall (1805-1881), der später selbst dem Vorstand angehörte (vgl. Nekrolog, ShJb, 17, 1882, 278-280). Sie las Oechelhäusers Broschüre und veranlaßte Dingelstedt, die Sache in die Hand zu nehmen. Ihre Vermittlung trug Früchte und

[a]m Geburtstag des Dichters, den 23. April 1864, fand die Gründung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft und die Annahme der von mir [Oechelhäuser] entworfenen Statuten statt; Ulrici wurde zum Präsidenten, ich zum ersten, Dingelstedt zum zweiten Vicepräsidenten gewählt. Die Großherzogin von Sachsen nahm die Würde einer Protektorin des Vereins an, dem sie unausgesetzt ihre tatkräftige Teilnahme bewahrt hat.

(zitiert nach Wolfgang von Oechelhäuser, S. 121-122)

Mit ihrer Gründung konnte sich die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft die erste literarische Vereinigung in Weimar nennen, deren Schirmherrschaft die Großherzogin übernommen hatte, womit sie sich selbst und der Stadt eine würdige Stellung in der nationalen und internationalen Kulturwelt schuf.

Ihre Ehrerbietung und Dankbarkeit zeigte die Gesellschaft, indem sie alle 33 Bände des Jahrbuchs (1865-1897) "Ihrer Königlichen Hoheit/ Der Frau Grossherzogin/ Sophie von Sachsen/ Geb. Prinzessin der Niederlande/ ehrfurchtsvoll" widmete. Die Anteilnahme der Gesellschaft an freudigen und traurigen Familienereignissen zeugt ebenfalls von der Verbundenheit der Shakespeare-Freunde mit ihrer Patronin (vgl. z.B. ShJb, 18, 1883, S. 35). Besonders herzlich spiegelt sich diese Ehrerbietung im Widmungsgedicht des ersten Jahrbuchs wider, das, wie die Originalhandschrift im Großherzoglichen Sächsischen Hausarchiv (Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Hausarchiv A XXVII, Nr. 222a) klärt, aus der Feder Friedrich Bodenstedts, des ersten Jahrbuch-Herausgebers, stammt. Es endet mit den panegyrischen Zeilen:

Du gabst unserm Wirken
Ein schützendes Obdach,
Du pflanztest den Baum,
Dess Früchte wir bringen:
Nimm auch diese Blume
Des Dankes dazu!

Die Gesellschaft florierte in der Tat, allerdings mit den üblichen Wachstumsstörungen. Sie hatte ein Jahr nach ihrer Gründung zirka 130 Mitglieder, die je drei Taler Beitrag zahlten und dafür das Jahrbuch kostenlos erhielten. Auch wenn die Mitgliedschaft stetig stieg - für das Berichtjahr 1868-69 verzeichnete die Gesellschaft bereits 193 Mitglieder - waren die Einnahmen zuweilen zu gering, um den Aufbau der in den Statuten vorgesehenen Shakespeare-Bibliothek in dem gewünschten Maße zu fördern. Daher war es von unschätzbarem Wert, daß die Großherzogin stets äußerst großzügig aus ihrer Schatulle spendete. So steuerte sie nicht nur 500 Taler für die Gründung der Bibliothek bei (ShJb, 1, 1865, S. xiv), sondern schenkte ihr auch selbst wertvolle Bücher und Dokumente, wie etwa den photolithographischen Abdruck der ersten Folio-Ausgabe, die Photolithographie von Shakespeares Testament sowie der Kaufurkunde seines Hauses in Blackfriars (ShJb, 2, 1867, S. 13-14). Im April 1869 umfaßte die Bibliothek bereits etwa 400 Bände, und Hermann Ulrici bedankte sich in seinem Jahresbericht besonders nachdrücklich bei der Großherzogin: "Wir verdanken diese Bereicherung an durchgängig werthvollen Werken vor Allem der unerschöpflichen Güte Ihre Königl. Hoheit der Frau Grossherzogin, die wiederum zum Besten der Bibliothek einen Beitrag von 100 Thlrn. gnädigst bewilligt hat." (ShJb, 5, 1870, S. 3). Auch in den folgenden Jahresberichten liest man stets den Hinweis, die Bibliothek blühe mehr und mehr, und dies "[d]ank des besonderen Schutzes und der fortwährenden reichen Gaben Ihrer Königl. Hoheit der Frau Grossherzogin, unserer allergnädigsten Lady Patroness", die "als Erhalterin und allzeit Mehrerin dieses literarischen Reichs bezeichnet werden kann und der wir für Ihre unerschöpfliche Güte nicht genugsam danken können" (ShJb, 7, 1872, S. 3). Die anhaltende Freigebigkeit Sophies läßt den Bücherbestand in der Tat immer üppiger gedeihen (ShJb, 13, 1878, S. 13), und die Weimarer Bibliothek wird schon einige Jahre nach ihrer Gründung - das erste Mal 1875 - als "die ansehnlichste auf dem Continent" gerühmt - ein Prädikat, das man ihr heute kaum mehr verleihen kann, obgleich besonders die zahlreichen frühen Übersetzungen sicherlich einen wertvollen, die deutsche Shakespeare-Rezeption nachdrücklich widerspiegelnden Bestand darstellen (Knoche, Weimar Kultur Journal, S. 31, und den Beitrag von Werner Habicht in diesem Jahrbuch).

Nicht nur die Bibliothek, sondern auch das Kapital schien in jenen Jahren trotz einiger Rückschläge zu prosperieren; 1879 stellt Wilhelm Oechelhäuser fest, "daß die finanziellen Verhältnisse unserer Gesellschaft zum großen Theile in Folge der Munifizenz unserer erhabenen Protektorin, vollkommen geordnete sind, so daß sogar ein Bestand von ca. 3000 Mark zinsbar hat angelegt werden können" (ShJb, 15, 1880, S. 20).

Die damalige (allerdings auch nur kurzfristige) Hochkonjunktur dürfte jedes aktive Mitglied von heute fast ein wenig mutlos machen. Fruchtbarer und produktiver in dieser und auch in anderen Situationen wäre freilich die Beherzigung und konsequente Praktizierung des auch von der Großherzogin so geschätzten und stets gelebten Wahlspruchs ihres Oranischen Hauses: "Je maintiendrai" - ich werde durchhalten, oder, wie sie den Leitsatz einmal ins Deutsche umschrieb: "Die Herrschaft über sich selbst ist die Vorbedingung für jegliche Thätigkeit und für ernsthafte, gewissenhafte Ausführung übernommener Pflichten." (Schmidt, S. ii)

Pflicht war es ihr auch, den englischen Dichter einem größeren Publikum nahezubringen; denn obgleich an der Vertiefung der Shakespeare-Pflege in Deutschland unentwegt gearbeitet wurde, schienen seine Werke nur einen kleinen Kreis zu erreichen. Auf Sophies Betreiben hin wurde das Projekt einer volkstümlichen Ausgabe von Wilhelm Oechelhäuser realisiert, und 1891 erschien bei der Deutschen Verlagsanstalt in Leipzig ein Neudruck von W. Shakespeare's dramatische Werke. Uebersetzt von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck. Im Auftrag der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft herausgegeben und mit Einleitungen versehen von Wilhelm Oechelhäuser. Das einbändige Werk kostete lediglich drei Mark. Wie die Jahrbücher, so war auch diese wohlfeile Volksausgabe "Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Großherzogin Sophie von Sachsen geb. Prinzessin der Niederlande ehrfurchtsvoll gewidmet" (S. v). Im ersten Halbjahr erschienen 6 Auflagen zu je 2000 Exemplaren und 1903 hatte der Band insgesamt 30 Auflagen erlebt (Wolfgang von Oechelhäuser, S. 125). 1892 teilt der Präsident im Jahresbericht mit, daß von der Volksausgabe bereits im ersten Jahr 17 000 Exemplare verkauft werden konnten und sie den Absatz aller anderen deutschen Shakespeare-Übersetzungen um das Achtfache überträfe. "Der Zweck", so heißt es weiter, "einer größeren Verbreitung unseres Dichters in den mittleren und unteren Volksklassen scheint sich demnach über alle Erwartung erfüllen zu sollen." (ShJb, 28, 1893, 18, und Wilhelm Oechelhäuser, Shakespeareana, S. 19).

Das Protektorat der Großherzogin beschränkte sich aber nicht nur auf die finanzielle und beratende Unterstützung; sie nahm auch selbst aktiv an dem Leben der Gesellschaft teil. Bis auf ganz wenige Ausnahmen besuchte die Schirmherrin stets die Jahresversammlungen, und die wache Aufmerksamkeit und Konzentration, mit der sie den Vorträgen folgte, "der belebte Ausdruck ihres feinen Mienenspiels" und die anschließenden durch präzise Fachfragen gekennzeichneten Einzelgespräche mit Mitgliedern der Gesellschaft, legen ein beredtes Zeugnis davon ab, "daß die Fürstin ihres Amtes nicht im Sinne einer bloßen Formerfüllung waltete, sondern in der echten Freude an der wissenschaftlichen, an der literarischen Arbeit" (Nekrolog, ShJb, 33, 1897, o.S., und Eleonore von Bojanowski, ShJb, 59/60, 1924, S. 2).

Diese verantwortungsvolle Haltung gegenüber ihrem Protektorat, die eng mit ihrem Bekenntnis "Pflichten erfüllen zu müssen ist mir immer eine Wohltat" verwurzelt ist (zitiert nach Paul von Bojanoski, o.J., S. 11), wurde bereits in ihrer Jugend und durch ihre Erziehung entscheidend geprägt.

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Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr wuchs Sophie im Winter bei ihren Eltern, Wilhelm von Oranien, dem späteren König der Niederlande, und Anna Pawlowna, einer Tochter Kaiser Pauls I. von Russland, in Den Haag auf. Den Sommer indes verbrachte sie "in einer eigenen kleinen holländischen Meierei in Soestdijk" in der Nähe von Utrecht, "wo sie Blumen und Tiere versorgte, melken, buttern und Käsemachen lernte, kochte und backte und in Holzpantinen umherlief" (Hecker, S. 51), kaum aber niederländisch und französisch schreiben konnte. Gerade das Französische (nicht das Englische) wurde später ihre Lieblingssprache, in der sie sich auch besonders gerne mit dem Präsidenten der Shakespeare-Gesellschaft, Wilhelm Oechelhäuser, unterhielt (Lehnert, S. 9).

Der Aufenthalt in Soestdijk hatte schon früh ihren allseits hervorgehobenen Sinn für praktisches Tun und Handeln unterstützt, der genauso stark ausgeprägt war wie ihre tiefe Religiosität und ihre wache Intelligenz, die gleichermaßen von ihrem Vater und ihren Hauslehrern, unter ihnen der bereits genannte James Marshall, gefördert wurden. Mit besonderer Vorliebe las sie Pascals religiöse Schriften und setzte sich mit Bacons staatspolitischen Essays auseinander, nahm Gesangsstunden, die Liszt am Klavier begleitete (Hecker, S. 58), und schrieb Verse englischer und französischer Dichter in ihr Poesiealbum, in das sie auch sorgfältig Blumen preßte - wiederum ein hübsches Zeugnis von Sophies enger Liebe zur Natur und Literatur. (vgl. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Hausarchiv A XXVII, Nr. 197)

Reisen nach Italien, Russland und England boten Sophie Gelegenheit, sich intensiver mit den Dichtern und Denkern auseinanderzusetzen. So wird sie sicherlich auch in England die Werke Shakespeares lebendiger erfahren haben als in ihrem Heimatland, wo die Rezeption doch eher schwach ausgeprägt war (Schneider, ShJb, 1891, S. 26-42). Eine der Schlegel-Tieckschen Übersetzung entsprechende niederländische Version von Burgersdijk kam etwa erst 1886-1888 auf den Markt, eine Shakespeare-Gesellschaft existiert in den Niederlanden gar erst seit 1992. Woher das Interesse der Großherzogin an Shakespeares Werken stammte, weiß man nicht genau. Der niederländische Biograph van Wijks hebt hervor, die Hohe Frau habe vor allem "de zeggenskracht [Beredsamkeit], de menschenkennis, het gezonde realisme" an dem Barden bewundert (S. 63). Eleonore von Bojanowski sieht in As You Like It und Merchant of Venice die Lieblingsdramen Sophies:

Wenn aus der Auswahl der betreffenden Stücke auf eine Vorliebe der Fürstin geschlossen werden darf, so behauptet auch hier die von dichterischem Zauber umflossene Mischung ausgelassenster Schalkheit und tiefsinniger Lebensweisheit von "Wie es euch gefällt" den ersten Platz, daneben der "Kaufmann von Venedig"; es ist wohl begreiflich, daß für die großzügig gezeichneten Gestalten der mittelalterlichen Beherrscherin der Meere die Tochter der Niederlande ein besonderes Wohlgefallen hegte.

(ShJb, 59/60, 1924, S. 1-2)

Die Großherzogin war zwar selbst literarisch nicht tätig, doch beinhalten die von ihr überlieferten Aussprüche oft tiefsinnige Weisheiten, wie etwa die, mit der sie den in Weimar wirkenden Musiker Liszt vor Klatsch schützen wollte: "Zeigt mir einen, der seine Vorzüge besäße, so will ich mir auch seine Schwächen gefallen lassen" (zitiert nach Hecker, S. 58); oder die von ihr formulierten Leitsätze, die sie alljährlich den Pflegerinnen des Sophienhauses persönlich übermittelte. "Jeder dieser Sätze ist", so Paul von Bojanowski, "im eigenen Leben tief empfunden, gereift in eignem Nachdenken und rastloser Arbeit an der eigenen Vervollkommnung." (Vortrag, o.J., S. 11). Zwar hatte die Großherzogin bis ins Alter ihren Sinn für Humor und anmutige Heiterkeit bewahrt, der Grundton ihres Wesens war aber - vor allem durch viele Schicksalsschläge in der Familie - ernst und bisweilen dunkel. So schrieb sie einmal: "Es gibt in unserem Leben Augenblicke, wo der Gedanke sich aufdrängt, den Goethe so wunderbar ausgedrückt hat: Wer nie sein Brot in Tränen aß usw., damit will ich sagen, daß dem, der den wahren Ernst des Lebens nicht an sich erfahren hat, nicht eingedrungen ist in das Höchste und Erhebendste, was die Seele empfinden kann und was den Charakter härtet wie Stahl." (zitiert nach Eleonore von Bojanowski, Deutsche Rundschau, S. 84)

Ihre erste Begegnung mit Weimar fand im Juli 1834 statt, als die damals zehnjährige Sophie ihre Tante, die Großherzogin Maria Pawlowna (1786-1859) besuchte, die mit dem Großherzog von Sachsen-Weimar Carl Friedrich (1783-1853) vermählt war. Hier lernte die niederländische Prinzessin das erste Mal den Sohn der Familie und ihren späteren Gemahl Carl Alexander (1818-1901) kennen, den sie am 8. Oktober 1842 in Den Haag heiratete und danach mit ihm die Reise nach Weimar antrat, wo sie im Winter im Schloß zu Weimar, im Sommer im Schloß zu Ettersberg lebten. In den neunziger Jahren verbrachte die Großherzogin jeweils acht Wochen (August/September) auf Helgoland - "acht Wochen frei von Pflicht und Zeremoniell, acht Wochen nur hingegeben an Einsamkeit und eigene Gedanken." (Hecker, S. 49)

Als am 8. Juli 1853 ihr Gemahl Carl Alexander die Regierung seines verstorbenen Vaters übernahm, begannen auch für die Großherzogin die Pflichten der Landesmutter. Auf ihre Anregung hin entstanden mehrere gemeinnützige Einrichtungen: Sie setzte sich für eine bessere Ausbildung der Mädchen der gebildeten Stände ein und gründete eine höhere Töchterschule, das Sophienstift, wo sie sich um den Lehrplan, das Personal und die Prüfungen kümmerte. Ebenfalls wurde eine Anstalt für Taube und Blinde eingerichtet sowie ein Soleheilbad in Sulza und ein Wohnheim für Diakonissen in Weimar, danach ein Spital, das Sophienhaus. Darüber hinaus unterstützte sie die Gründung von Industrieschulen durch die Frauenvereine und setzte sich in vielen Gemeinden des Landes für Kindergärten ein (Hecker, S. 57, und Berbig, S. 397)

Das soziale, tief religiös motivierte Engagement wurde zudem bereichert durch ihre Anteilnahme am kulturellen Leben Weimars. Ihre Tatkraft und ihr umsichtiges Verantwortungsbewußtsein zeigen sich besonders deutlich in ihrem engagierten und gewissenhaften Einsatz für den handschriftlichen Goethe-Nachlaß, den ihr der Enkel Walther von Goethe testamentarisch anvertraut hatte, "als einen Beweis tief empfundenen, weil tief begründeten Vertrauens." (zitiert nach Hecker, S. 72) Einen Tag nach seinem Tod, am 15. April 1885, wurde das Testament verlesen, und die Großherzogin soll geäußert haben, "Ich habe geerbt und ganz Deutschland soll mit mir erben". Noch im selben Monat ließ sie den Nachlaß auf ihr Schloß bringen und unterzog ihn einer eigenen kritischen Durchsicht, wobei sie zwei Hefte Erotica und Priapeia sofort sekretiert habe und sie in einem Geheimarchiv aufbewahren wollte (ter Haar, S. 30). Wichtiger als dieser für die Zeit typische Puritanismus waren aber die weiteren Entschlüsse der Großherzogin, deren Ausführungen sie energisch verfolgte: Nach dem Vorbild der Shakespeare-Gesellschaft wurde im Juni 1885 die Goethe-Gesellschaft gegründet, deren Protektorat Großherzog Carl Alexander übernahm (Grimm, S. xiv) Darüber hinaus wurde eine Biographie Goethes geplant, die allerdings nicht realisiert werden konnte. Auch wurden weitere Manuskripte erworben (z.B. der Briefwechsel Schillers und Goethes) und eine wissenschaftliche Gesamtausgabe in Angriff genommen, deren Verwirklichung zügig voranschritt. Auch hier ließ die Großherzogin nichts ohne ihr Einvernehmen geschehen. So bestand ein fester Beschluß zwischen den Herausgebern, "daß die Herren Redactoren keinen wichtigen Schritt thun ohne mein Vorwissen und mein Einverständnis und dieselben haben die bestimmte Zusicherung erhalten, daß ich gewissenhaft dieselbe Handlungsweise durchführen werde." (zitiert nach ter Haar, S. 28) Schon zwei Jahre nach Walther von Goethes Tod erschienen 1887 die ersten Bände der 1919 abgeschlossenen Weimarer oder Sophienausgabe. Sie umfaßt insgesamt 143 Bände und ist bis heute die vollständigste Goethe-Ausgabe.

Nachdem das Archiv im Schloß aufgrund der zahlreichen Erwerbungen zu klein wurde, wurde recht bald die Errichtung eines Archivgebäudes, des heutigen Goethe-und Schiller-Archivs, erwogen. 1892 wurde der Plan bekanntgegeben, und zur Finanzierung steuerte die Großherzogin 400 000 Reichsmark aus ihrer Schatulle bei; sie selbst übernahm auch die Aufsicht über das Baugeschehen. Dieses älteste deutsche Literaturarchiv wurde am 28. Juni 1896 im Beisein zahlreicher Ehrengäste und Honoratioren der literarischen Gesellschaften eröffnet. Als "Pantheon des Geistes" versammelt es heute nicht nur das Erbe Goethes und Schillers, sondern auch weitere "111 persönliche Nachlässe, 8 Bestände institutioneller Herkunft und eine Autographensammlung, in der ca. 3000 Autoren vertreten sind" (Golz, Weimar Kultur Journal, S. 23, und Golz, S. 13-70). Auch die Akten der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft wurden nach der Wiedervereinigung der getrennten Gesellschaften dem Goethe- und Schiller-Archiv übergeben, ausgenommen sind davon die Dokumente der Gesellschaft West aus den Jahren 1963-1994. (Suerbaum, ShJb, 132, 1996, S. 318, und Golz, "Das Goethe- und Schiller-Archiv", S. 60)

Wenige Tage nach dem Tod der Großherzogin wurde auf Anregung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft beschlossen, am 8. Oktober 1897, dem 55. Vermählungstag des Fürstenpaares, im Sophienstift eine gemeinsame Gedenkfeier der von der Großherzogin patronisierten Gesellschaften und Institutionen zu veranstalten. In der Gedächtnisrede führte Kuno Fischer noch einmal die Wesenszüge der Schirmherrin vor Augen, die auch besonders dem Gedeihen der Shakespeare-Gesellschaft zugute gekommen waren:

Ihre Bestrebungen und Pläne, immer auf die Förderung großer und guter Zwecke gerichtet, wurden bis ins Einzelne genau durchdacht, sorgfältig erwogen, methodisch geordnet, mit der sicheren Hand festgehalten, mit der freigebigsten ausgeführt; alles geschah aus eigenster Ueberlegung, alles wurde auf wohlgeordnete und fortwirkende Einrichtungen gegründet. Was die Großherzogin gewollt und geschaffen hat, das lebt und besteht, denn diese große und gute Frau hat gesagt: "Je maintiendrai".

(Fischer, S. 18)

Für die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft bedeutete der Tod der Großherzogin aber keine Loslösung vom Weimarer Fürstenhaus. Auf Anfrage der Gesellschaft willigte Erzherzog Carl Alexander umgehend ein, anstelle seiner Gemahlin das Protektorat zu übernehmen. In diesem Zusammenhang resümiert er in seinem Antwortschreiben vom 23. Oktober 1897 das Wirken der Großherzogin:

Sie hat sich seit nunmehr 33 Jahren einer hohen, auch für das deutsche Geistesleben überaus fruchtbaren Aufgabe gewidmet, ist ihr stets treu geblieben und nimmt im In- wie im Auslande eine gleich angesehene Stellung ein. Ich hoffe, dass es auch Mir gelingen werde, unter Gottes Beistand ihre Arbeiten zu fördern und ihre Bestrebungen unterstützen zu können, wie es die Stifterin gethan.

(ShJb, 24, 1898, S. 1-2)

Heute hat die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft über 2 700 Mitglieder; ihre Bibliothek - 1994 als Schenkung an die Herzogin Anna Amalia Bibliothek übergeben - hat einen Bestand von zirka 10 000 Bänden (Knoche, ShJb, 131, 1995, S. 319). Die ersten Ideen zur Gründung stammen von Wilhelm Oechelhäuser; ihre Verwirklichung aber wäre ohne den tatkräftigen Einsatz der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar, Prinzessin der Niederlande, kaum möglich gewesen. Ihr gebührt unser ehrendes Andenken.

Literaturhinweise

Berbig, W., "Sophie, Wilhelmine Marie Louise, Großherzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach", in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 54 (Leipzig, 1908), S. 396-399.

Bodenstedt, Friedrich, "Widmungsgedicht des Jahrbuches der Shakespeare-Gesellschaft", 1865, in: Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Hausarchiv A XXVII Nr 222a.

Bojanowski, Eleonore von, "Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar. Zum 100. Geburtstag, 8. April 1924", Deutsche Rundschau, 50 (1924), 82-87.

Bojanowski, Eleonore von, "Die erste Protektorin der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, Großherzogin Sophie, und ihr Enkel, Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen", ShJb, 59/60 (1924), 1-7.

Bojanoswki, Paul von, "Die Gedächtnißfeier für die Großherzogin Sophie von Sachsen", ShJb, 34 (1898), 3-8.

Bojanowski, Paul von, Die Großherzogin Sophie und das Patriotische Institut der Frauen-Vereine im Großherzogtum Sachsen. Vortrag gehalten in der General-Versammlung des Vaterländischen Frauen-Vereins zu Berlin am 31. März 1889 (o.O., o.J.).

Bojanowski, Paul von, Sophie, Großherzogin von Sachsen (Braunschweig, 1898).

Fischer, Kuno, "Großherzogin von Sachsen, Königl. Prinzessin der Niederlande. Gedächnisrede in der Trauerversammlung am 8. Oktober 1897 im Sophienstift zu Weimar", in: Ders., Kleine Schriften, 8 (Heidelberg, 1898), S. 451-510.

Golz, Jochen, "Das Goethe- und Schiller-Archiv in Geschichte und Gegenwart", in: Das Goethe- und Schiller-Archiv 1896-1996. Beiträge aus dem ältesten Literaturarchiv. Ed. Jochen Golz (Weimar, 1996), S. 13-70.

Golz, Jochen, "100 Jahre Goethe- und Schiller-Archiv Weimar: Pantheon deutscher Literatur", Weimar Kultur Journal, 6 (1996), 22-23.

Grimm, Hermann, "Vorwort", in: Goethes Werke. Herausgegeben im Auftrage der Großherzogin von Sachsen. Bd. 1 (Weimar, 1887), S. xi-xvii.

Haar, Carelter, Großherzogin Sophie - eine niederländische Königstochter verwaltet Goethes Erbe. Nachbarn, 37 (Bonn, 1993).

Habicht, Werner, "Die Shakespeare-Bibliothek in Weimar", ShJb, 133 (1997), ##.

Hecker, Jutta, "Großherzogin Sophie oder Die Pflicht der Erben", in: Dies., Wunder des Worts. Leben im Banne Goethes (Berlin, 1989), 22-40.

Heyse, Paul, "Großherzogin Sophie von Sachsen", Weimarische Zeitung, 95 (24. April 1897), o.S., und Ders., Gesammelte Werke. Dritte Reihe, Bd. 5 (Stuttgart/Berlin, o.J.), S. 391ff.

Knoche, Michael, "Das andere Weimarer Shakespeare-Denkmal", Weimar Kultur Journal, 4 (1993), 30-31.

Knoche, Michael, "Die Shakespeare-Bibliothek in Weimar", ShJb, 131 (1995), 319-320.

Lehnert, Martin, "Hundert Jahre Deutsche Shakespeare-Gesellschaft", in: Shakespeare-Jubiläum 1964. Festschrift zu Ehren des 400. Geburtstages William Shakespeares und des 100jährigen Bestehens der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft herausgegeben im Namen der Gesellschaft von Anselm Schlösser (Weimar, 1964), S. 1-40.

Leo, Friedrich August, "Rückblick auf das fünfundzwanzigjährige Bestehen der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft", ShJb, 24 (1889), 1-8.

Ludwig, Albert, "Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft. Ein Rückblick anläßlich ihres 50jährigen Bestehens", ShJb, 49 (1913), 1-96.

[Nekrolog], James Marshall, ShJb, 17 (1882), 278-280.

[Nekrolog], "Dem Gedächtnis der Großherzogin Sophie von Sachsen", ShJb, 33 (1897), iii-vii.

Oechelhäuser, Wilhelm, "Die deutsche Shakespeare-Gesellschaft", in: Ders., Shakespeareana (Berlin, 1894), S. 1-22.

Oechelhäuser, Wolfgang von, Leben und Wirken des Doktor phil. h.c. und Geheimen Kommerzienrat Wilhelm Oechelhäuser (Berlin-Charlottenburg, 1937). [maschinenschriftlich]

Schmidt, Erich, "Sophie, Großherzogin von Sachsen, Königliche Prinzessin der Niederlande", Goethe Jahrbuch, 18 (1897), i-vi.

Schneider, Lina, "Shakespeare in den Niederlanden", ShJb, 27 (1891), 26-42.

W. Shakespeare's dramatische Werke. Uebersetzt von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck. Im Auftrag der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft herausgegeben und mit Einleitungen versehen von Wilhelm Oechelhäuser (Stuttgart, o.J.) [1891]

Suerbaum, Ulrich, "Akten, Archivalien, Bücher: Der Verbleib der Bochumer Bestände", Shakespeare Jahrbuch, 132 (1996), 317-318.

Wijk, A.M. Gerth van, Prinses Sophie der Nederlanden. Groothertogin van Saksen. Een Levensschets (Rotterdam, 1898).

Summary

This article - written in commemoration of the 100th anniversary of the death of Sophie, Grand Duchess of Saxony - describes her activities as the first patroness of the German Shakespeare Society (1864-1897). It also gives some biographical details and portrays some of her other cultural and social interests.